Medikamentenversand
Postbote statt Apotheker

Der milliardenschwere Apothekenmarkt in Deutschland wandelt sich: Viele Patienten bestellen ihre Medikamente mittlerweile im Internet oder an so genannten Pick-Up Stellen. Klassische Apotheken müssen ihr Geschäft umstellen, um im Preiskampf bestehen zu können.
  • 0

FRANKFURT. Der große Knall - der Einzug von Apothekenketten - blieb zwar aus. Ruhig ist es ein halbes Jahr, nachdem der Europäische Gerichtshof diese nicht erlaubt hat, in Deutschlands Pharmaziebranche aber nicht. Der Versandhandel hat gerade die Marke von zehn Prozent Umsatzanteil im Geschäft mit freiverkäuflichen Arzneimitteln (OTC) geknackt und nimmt im insgesamt stagnierenden OTC-Markt den stationären Apothekern immer mehr Geschäft ab.

Allerorten sprießen Rezeptsammelpunkte und-ausgabestellen, die so genannten Pick-up-Stellen, aus dem Boden: Im Blumenladen, im Supermarkt, bei der Fußpflege - auch wenn sie manchmal, wie im Fall der Shell-Tankstellen und Apotank, schnell wieder zugemacht werden: Der rund 38 Mrd. Euro schwere Apothekenmarkt in Deutschland ist in Bewegung.

Die Diskussion über Sinn und Unsinn von Pick-up-Stellen wird demnächst wieder eröffnet werden. Die schwarz-gelbe Regierung plant laut Koalitionsvertrag, die "Auswüchse beim Versandhandel" zu bekämpfen und will die Abgabe von Arzneimitteln in den so genannten Pick-up-Stellen verbieten. Für die Europa-Apotheek Venlo, die das Pick-up-System mit der Drogerienmarktkette dm in mittlerweile 1 000 dm-Filialen betreibt, wäre das ein herber Schlag, wie Klaus Gritschneder, Mitgründer der Europa-Apotheek, dem Handelsblatt sagte: "Wir haben viel Zeit und Geld in dieses Projekt gesteckt." Existenzbedrohend wäre ein Verbot der Pick-up-Stellen für die Europa-Apotheek zwar nicht, das Geschäft über dm habe noch keinen wesentlichen Umsatzanteil, wachse aber schnell, sagt Gritschneder. Zahlen wollte er nicht nennen.

"Das Konzept der Pharma-Punkte ist rechtens - dies hat das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig im März 2008 bestätigt", meint Petra Schäfer, Geschäftsführerin von dm-Drogeriemarkt. Möglichen Bemühungen der Gesetzgeber sehe sie daher mit Optimismus entgegen. Den Stellenwert des Versandhandels könnte ein Verbot von Pick-up-Stellen nicht gefährden. Auch unabhängig von den Boxen bei dm und Co. hat sich der Versandhandel über Jahre kontinuierlich vorgearbeitet. Von Januar bis September dieses Jahres wuchs er um satte 31 Prozent auf 450 Mio. Euro Umsatz, während der OTC-Markt auf 4,5 Mrd. Euro leicht zurückging. Auch Marktführer Doc Morris, der im vergangenen Jahr im Versandhandel 220 Mio. Euro umsetzte, wächst laut Olaf Heinrich, Vorstand Versandhandel, in diesem Jahr zweistellig.

"Der Versandhandel schreitet weiter voran - allerdings vornehmlich im Bereich der freiverkäuflichen Arzneimittel. Bei den rezeptpflichtigen Medikamenten spielt er zumindest für den überwiegenden Teil der deutschen Versender nur eine ganz kleine Rolle", sagt Gregor Weiche, Produktmanager beim Marktforscher IMS Health. Das liegt vor allem daran, dass die Patienten bei den verschreibungspflichtigen Medikamenten keinen Preisvorteil haben, wenn sie über deutsche Versandapotheken beziehen. Die Preise sind festgelegt, und auch der Patientenzuschlag muss bezahlt werden. Nur die aus dem Ausland agierenden Versandhändler wie Doc Morris und Europa-Apotheek können die Zuzahlungen teilweise verrechnen, weswegen sie in diesem Bereich 80 Prozent des Umsatzes machen. 300 bis 500 Anbieter bieten laut Bundesverband Deutscher Versandapotheken über das Internet Arzneimittel an: Viele stationäre Apotheker versenden nebenbei. Sie locken bei OTC-Produkten mit zum Teil satten zweistelligen Preisnachlässen, was sich gerade für Patienten mit chronischen Beschwerden lohnt. "Mittlerweile gibt es Warengruppen, in denen ein Fünftel des Umsatzes über den Versandhandel läuft, und der wird wiederum von einigen Kernprodukten getrieben", sagt IMS-Experte Weiche.

Für Weiche ist klar, dass das Wachstumspotenzial des Versandhandels noch nicht ausgeschöpft ist. Nach einer aktuellen Untersuchung der Beratungsfirma Sempora rechnen viele Apotheker und Pharmahersteller damit, dass der Versandhandel 2012 bis zu zwölf Prozent Marktanteil im OTC-Markt erreicht. Doc-Morris-Manager Heinrich sieht insbesondere im rezeptpflichtigen Bereich noch viel Spielraum: Hier liegt der Versandhandelsanteil erst bei ein bis zwei Prozent Marktanteil.

Kommentare zu " Medikamentenversand: Postbote statt Apotheker"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%