Mobilität Kostenloser Nahverkehr „ermuntert niemanden, das Auto stehen zu lassen“

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Tallinn greift Bürgern heimlich in die Taschen

Anfangs schien der Testlauf erfolgversprechend: Die Zahl der Nutzer stieg um das 15-Fache. Dann aber ging der Stadt das Geld aus, was die Aktion in ein Strohfeuer verwandelte. Heute kostet eine Jahreskarte zwar immer noch günstige 44 Euro, die Fahrgastzahlen brachen dennoch ein.

Ein ähnliches Schicksal nahm ein Testlauf im belgischen Hasselt, einer Stadt mit 60.000 Einwohnern. Nachdem dort die Stadtverwaltung 1997 die Fahrtkosten übernahm, fanden sich in den Bussen und Trams 23 Prozent an Kunden, die zuvor mit dem Auto oder Motorrad unterwegs waren. 16 Jahre hielt man durch, dann ging der Stadt das Geld aus. Seit 2013 müssen die Tickets wieder bezahlt werden.

Ganze 40 Jahre lang spendierten die Metropolen Seattle und Portland ihren Bürgern kostenfreie Busfahren. 2012 war Schluss damit. Grund waren nicht nur Finanzierungslücken, sondern auch unerwünschte Nebeneffekte. Die hohe Zahl an Kurzstrecken-Fahrgästen, die anderswo die Distanz wohl zu Fuß zurückgelegt hätten, machten den Nahverkehr ermüdend langsam. Zudem lockte das Umsonstfahren ungebetene Gäste in die Fahrzeuge, darunter Drogendealer.

Die einzige europäische Metropole, die sich bis heute einen kostenfreien Personennahverkehr leistet, ist Tallinn. Estlands Hauptstadt führte die Gratisregelung Anfang 2013 nach einem Referendum ein, greift ihren Stadtbewohnern allerdings weiterhin heimlich in die Tasche. 1000 Euro erhält die 440.000-Einwohner-Stadt jedes Jahr pro Steuerzahler aus dessen Einkommensteuer. Zum Vergleich: In der fast gleichgroßen Stadt Nürnberg kostet ein Jahresticket 938 Euro.

Der estnische Finanztrick aber führt zu Verwerfungen. Innerhalb von vier Jahren meldeten sich 25.000 Einwohner aus dem Umland in der Hauptstadt an. Ihre Steuereinnahmen fehlen nun den Nachbargemeinden. Zudem blieben positive Effekte auf den Straßenverkehr nahezu aus, wie die niederländische Universität Delft in einer Studie ermittelte. So stieg die Zahl der ÖPNV-Nutzer in Tallinn bis 2016 gerade einmal um acht Prozent – viel zu wenig, um die Stadt vom Autoverkehr zu entlasten.

Nicht ganz so pessimistisch sehen die Experten beim Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) den Effekt des Gratisfahrens. Vor allem in den Ballungsgebieten rechnen sie kurzfristig mit 30 Prozent mehr Fahrgästen. Das vor allem zu den Hauptverkehrszeiten. Ohne neue Busse und Bahnen, ohne zusätzliches Personal und einen Ausbau der Verkehrswege wäre das aber gar nicht zu schaffen. Doch wie nur soll das finanziert werden?

Dabei ist der öffentliche Personennahverkehr in Wirklichkeit schon jetzt kostengünstiger als gedacht. Kasseler Wissenschaftler um den Studienautor Carsten Sommer stellten fest: Der Pkw-Verkehr in einer deutschen Großstadt kostet die öffentliche Hand und die Allgemeinheit etwa das Dreifache des öffentlichen Personennahverkehrs. Einnahmen durch Knöllchen und Parkgebühren hatten die Forscher da schon abgezogen.

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