Modellfall
Uni-Kliniken stehen vor Privatisierungswelle

Spätestens zu Silvester will Hessen das Uni-Klinikum Gießen-Marburg verkaufen – an private Investoren. Die Verhandlungen sind in der Endphase. Damit betritt Ministerpräsident Roland Koch (CDU) Neuland. Noch nie wurde eine deutsche Uni-Klinik verkauft.

BERLIN. Das Land hat die beiden Kliniken Gießen und Marburg eigens zum Zweck des Verkaufs fusioniert. Gemeinsam haben die Einrichtungen fast 2 400 Betten, 137 Professoren und 5 500 Studenten.

Es wird sicher nicht die letzte Privatisierung sein, meint der Vorsitzende des Wissenschaftsrates, Karl Max Einhäupl. Er ist überzeugt, dass der „Modellfall“ Gießen-Marbug „Ausstrahlung auf das gesamte Hochschulsystem“ haben wird. Der Grund: ,,In den meisten Ländern sind die Hochschulklinika finanziell in einem desaströsen Zustand. Den riesigen Investitionsrückstand können die Länder nicht mehr stemmen.“

Schon heute werde „in Berlin, in Baden-Württemberg, selbst in München“ über die Privatisierung von Uni-Kliniken zumindest diskutiert. Auch der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Peter Gaehtgens, glaubt, dass in diesem Jahrzehnt „sicher fünf bis zehn weitere Uni-Kliniken privatisiert werden“.

Das lässt die Alarmglocken in der Wissenschaft läuten: HRK-Präsident Gaehtgens sieht angesichts der verständlichen Profitinteressen privater Betreiber eine „große Gefahr, dass Forschung und Lehre zweitrangig werden“. Und das „ausgerechnet im innovativsten Wissenschaftszweig des Jahrhunderts, den Lebenswissenschaften, die ohne die Medizin nicht denkbar sind“. Seine Sorge ist umso größer, „als Deutschland in der klinischen Forschung international ohnehin zurückliegt“. Umso fataler wäre es, wenn durch Privatisierung die wissenschaftliche Qualität zusätzlich litte. Die Folgen der heutigen Entscheidungen jedoch „sehen wir vielleicht erst in zehn Jahren“, gibt Einhäupl zu bedenken. „Dann können wir aber die Schraube nicht mehr zurückdrehen.“

Die Wirtschaft hingegen jubelt. „Erstmals bekommt ein privates Klinikunternehmen unmittelbaren Zugang zu jenem Ort, wo neues Wissen geschaffen wird“, lobte DIHK-Präsident Ludwig Georg Braun, als das Projekt bekannt wurde.

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