Möbelriese in Not Steinhoff braucht kurzfristig 200 Millionen Euro

Der schwankende Möbelkonzern kämpft vor allem in Österreich und Frankreich mit Liquiditätsengpässen. Dafür verhandelt Steinhoff mit Geldgebern um Schuldennachlass. Auch die Personalrochade im Top-Management geht weiter.
Update: 18.01.2018 - 18:02 Uhr Kommentieren
Der Möbelkonzern braucht dringend 200 Millionen Euro. Quelle: Bloomberg/Getty Images
Steinhoff-Zentrale in Südafrika

Der Möbelkonzern braucht dringend 200 Millionen Euro.

(Foto: Bloomberg/Getty Images)

DüsseldorfDer ins Straucheln geratene Möbelriese Steinhoff International plagt sich vor allem in Europa mit Liquiditätsengpässen und will mit den Banken über einen Schuldennachlass verhandeln. Das geht aus einer Pflichtmitteilung des Konzerns für die Börse vom Donnerstag hervor. Die Zinsen auf sämtliche bestehenden Schulden will Steinhoff weiterhin bezahlen. „Kurzfristig besteht nach derzeitigen Berechnungen für Europa ein Liquiditätsbedarf von 200 Millionen Euro“, gab das Unternehmen bekannt. Für die laufende Woche hätten südafrikanische Geldgeber bereits eine erste Tranche von 60 Millionen Euro gewährt.

Der im deutschen M-Dax notierte Steinhoff-Konzern, zu dem europäische Möbelketten wie Poco, Conforama (Frankreich) und Kika/Leiner (Österreich) gehören, war rasch über internationale Zukäufe auf einen Umsatz von rund 13 Milliarden Euro (Geschäftsjahr 2016/2017) gewachsen. Für das Geschäftsjahr 2016/2017 hatte Steinhoff nach mehreren großen Akquisitionen sogar einen Umsatz von 20 Milliarden Euro angepeilt. Die Aktie verlor Anfang Dezember nach dem Bekanntwerden von Bilanz-Unregelmäßigkeiten binnen weniger Tage rund 90 Prozent ihres Wertes. Der langjährige Vorstandschef Markus Jooste musste gehen.

Steinhoff ist aus steuerlichen Gründen in den Niederlanden registriert. Der Firmensitz befindet sich jedoch in Südafrika. Dort war der Möbelhändler Bruno Steinhoff aus Westerstede bei Oldenburg 1998 an die Börse gegangen. In Südafrika hat Steinhoff mehrere große Konsumketten wie etwa Pepkor dazu gekauft. Dort haben auch große Pensionsfonds Steinhoff-Aktien erworben. Das Geschäft in Südafrika gilt als relativ stabil.

Seit Dezember verhandeln in London die Banken um ein Fortbestehen des Konzerns. Bis auf wenige Einzelheiten aus Tochterunternehmen drang bislang kaum etwas nach außen. Am Donnerstag nun kam die Erläuterung, dass die ersten 60 Millionen Euro zwar zugesagt seien. Aufgrund der kurzen Zeit und der Komplexität der Gruppe hätten Kreditgeber bislang aber noch keine weiteren Mittel genehmigt.

Die Steinhoff-Gruppe werde ihre Geldgeber in Kürze auch um Verzichtserklärungen für bestehende Schulden bitten müssen. Der Möbelriese erhofft sich also einen Schuldenerlass. Nach einer Bankenpräsentation sitzt der Konzern auf einem Schuldenberg von 10,7 Milliarden Euro. Zu den Geldinstituten, die Steinhoff Kredite gewährt haben, gehören internationale Großbanken wie die Citigroup, HSBC oder Goldman Sachs. Auch die Commerzbank hat dem MDax-Mitglied Geld geliehen.

Die Bank of America, die ebenfalls zu den Kreditgebern gehört, hat einer Meldung der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge im abgelaufenen Quartal bereits 292 Millionen US-Dollar abgeschrieben. Die sei dem Kursverfall eines einzelnen, nicht US-amerikanischen Unternehmens geschuldet. Es dürfte sich dabei um Steinhoff-Aktien handeln, welche die Bank als Sicherheit für Kredite akzeptiert hat. Allein für den Kauf der US-Matratzenkette First Matress hatte die Steinhoff-Gruppe nach eigenen Angaben vier Milliarden Euro aufgenommen. 

Einige Transaktionen von Tochtergesellschaften deuten zudem daraufhin, dass Steinhoff diese tätigt, um liquide zu bleiben. So veräußerte die französische Möbelhandelskette Conforama ihren Anteil am Online-Handelsgeschäft Showroom Privee für 79 Millionen Euro an Carrefour. Erst im Mai 2017 hatte Steinhoff das Paket für das Doppelte – insgesamt 157 Millionen Euro – erworben. Nach bislang unbestätigten Presseberichten verhandelt Conforama schon unter Einschaltung eines Gerichts mit den Gläubigern.

Die ebenfalls um das Überleben kämpfende österreichische Möbeltochter Kika/Leiner ging ans Tafelsilber: Sie veräußerte ihren Flagship-Store in Wien an den Tiroler Immobilienmilliardär Rene Benko für 70 Millionen Euro. Das Geschäft soll in dem Haus aber wie gewohnt weiterlaufen. Österreichische Medien hatten berichtet, dass bei Kika/Leiner die Löhne mit Verzögerung bezahlt wurden.  

Wie die Kapitalmärkte die Überlebenschancen von Steinhoff einschätzen, lässt sich an den Anleihen ablesen. Die Anleihe mit Laufzeit bis 2025 (WKN A19LXV) wird derzeit zu 63 Prozent ihres ursprünglichen Werts gehandelt. Diese Anleihe hatte auch die Europäische Zentralbank (EZB) gehalten. Die EZB hat sie in der ersten Januar-Woche abgestoßen, zu einem Kurs von etwa 55 Prozent. Sie dürfte mit der Anleihe einen zwei-bis dreistelligen Millionenbetrag verloren haben.

Beim kriselnden Möbelhändler dreht sich unterdessen das Personalkarussell an der Konzernspitze weiter: Jayendra Naidoo zieht sich mit sofortiger Wirkung aus dem Aufsichtsrat des Konzerns zurück, um sich auf seine Aufgaben im Führungsgremium der börsennotierten Afrika-Tochter Star zu konzentrieren. Über einen Nachfolger werde zu gegebener Zeit entschieden, teilte Steinhoff ebenfalls am Donnerstag mit. Der Posten soll mit einem unabhängigen Mitglied besetzt werden; Kandidaten würden nun angesprochen.

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