Möglicher Käufer muss Abwicklungsfunktionen abgeben
Britische Wettbewerbsbehörde erschwert LSE-Übernahme

Die beiden Börsenbetreiber Euronext und Deutsche Börse müssen eine Reihe von Auflagen erfüllen, sollten sie die London Stock Exchange (LSE) erwerben wollen.

LONDON. Die britische Wettbewerbsbehörde erklärte am Freitag, dass sie eine Übernahme des größten europäischen Kassamarktes nur zulässt, wenn die Börsen nicht zugleich das Clearing, also die Abwicklung von Wertpapiergeschäften, anbieten. Obwohl beide Interessenten Anteile an Abrechnungshäusern halten, gilt die Entscheidung für die Deutsche Börse mit ihrer so genannten Silostruktur aus Handel, Abrechnung und Abwicklung als größerer Rückschlag.

Die Deutsche Börse hatte im Dezember 2004 ein Angebot für die LSE im Wert von 5,30 Pfund je Aktie vorgelegt, war aber nach erheblichem Widerstand der eigenen Aktionäre aus dem Bieterkampf ausgestiegen. Formal hat das Gebot jedoch noch Bestand. Die Euronext hat bislang nur Interesse bekundet. Beide Seiten legten dem britischen Kartellamt Pläne für eine Übernahme vor. Das Amt leitete sie Ende März an die höchstinstanzliche Wettbewerbsbehörde zur Prüfung weiter.

Die von der Behörde genannten Bedingungen für eine Übernahme fallen jedoch weniger drastisch aus als ursprünglich befürchtet. Die Competition Commission sagte zwar, eine Übernahme durch eine der beiden Seiten verringere den Wettbewerb „substanziell“. Sie bezog sich dabei jedoch nicht auf den Handel. Stattdessen konstatierte der Regulierer, dass auch eine Reduktion von drei auf zwei Börsen in Europa keine gravierenden Veränderungen bringt. Konkurrenz gebe es genug durch andere Börsen in Europa und den USA. „Die Wettbewerbsbehörde erkennt damit an, dass eine Konsolidierung der Börsen in Europa unvermeidlich ist“, kommentierte der Bürgermeister der City of London, Michael Berry Savory.

Ein Dorn im Auge der Behörde ist dagegen ein Teil der so genannten Back-Office-Funktionen, vor allem die Abrechnung nach Abschluss eines Handelsgeschäfts. So schreibt die Competition Commission, Euronext und Deutsche Börse könnten den Eintritt oder die Ausdehnung anderer Dienstleister verhindern, „weil sie Clearing-Services besitzen oder darauf Einfluss nehmen“.

Die Einschränkung wird in London als Bürde für die deutschen Bemühungen um die LSE interpretiert. Die Struktur der Frankfurter sorgt in Großbritannien ohnehin für Unmut. Der Verband Londoner Investmentbanken bekräftigte nach dem Votum, die europäischen Märkte müssten wegkommen „von vertikal integrierten, antikompetitiven Handels- und Abwicklungsstrukturen“. Analysten von Dresdner Kleinwort Wasserstein sehen nach der Regelung gar die Gefahr, dass „Regulatoren in Europa neue Munition bekommen“, das vertikale Silo zu deregulieren.

Die Deutsche Börse interpretierte die Aussagen dagegen positiv. Sie sehe sich „in einer günstigen Position“, weil sie keine Clearing-Dienste für den britischen Markt angeboten habe. Im damaligen Angebotstext für die LSE hatte sie sich allerdings lediglich für ein Jahr verpflichtet, den Clearing- und Settlement-Prozess auf Grundlage bestehender Arrangements beizubehalten, also LCH.Clearnet das Feld zu überlassen. Die Dresdner Bank schätzt daher, dass der Deutschen Börse bei einem erfolgreichen Gebot nun 10 Mill. Euro Einnahmen-Synergien fehlen würden. Als positiv für die Deutschen gilt dagegen, dass die Wettbewerbsbehörde keine grundsätzlichen Einwände gegen hauseigene Abwicklung hat.

Für die Euronext sieht das Bild positiver aus. Zwar besitzt sie einen Anteil von gut 40 Prozent am Abrechner LCH.Clearnet. Sie hat jedoch erst kürzlich ihren Anteil reduziert. Ohnehin hatte sie im Vorfeld angedeutet, sich die Trennung vom Clearing vorstellen zu können.

Die Euronext sagte, sie arbeite „weiterhin eng mit der Wettbewerbsbehörde zusammen“. Am Markt wird nun erwartet, dass sie sich auch von ihrem verbleibenden Anteil an LCH.Clearnet trennen wird. Aus Euronext-Kreisen hieß es dazu bereits, man werde seine Optionen „schnell prüfen“.

Im direkten Kampf um die LSE bleibt es dagegen ruhig. Die Aussagen der Wettbewerbsbehörde gelten als vorläufig. Bis die definitive Stellungnahme kommt, dürfte mehr Zeit vergehen als ursprünglich erwartet. Die Behörde sagte, die endgültige Entscheidung könne sich um bis zu acht Wochen gegenüber dem anfangs angepeilten Termin im September verzögern.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%