Musterprozess
Ex-Chef von Teldafax muss Schadensersatz zahlen

Die Insolvenz des Billigstromanbieters Teldafax war 2011 die spektakulärste Pleite des Jahres. Nun können geprellte Kunden auf Schadenersatz hoffen.
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TroisdorfDer ehemalige Vorstandschef des insolventen Stromanbieters Teldafax, Gernot Koch, muss nach Informationen des Handelsblatt persönlich für Schäden von geprellten Kunden haften. In einem Musterprozess verurteilte das Amtsgericht Lingen (Aktenzeichen: 12C 319/12) Koch wegen vorsätzlicher Täuschung eines Kunden aus Niedersachsen zu einer Schadenersatzzahlung von 549,17 Euro plus fünf Prozent Zinsen.

Koch hat nach Angaben seines Anwalts das Urteil akzeptiert und die Strafe bereits gezahlt. Allerdings droht ihm nun eine ganze Lawine von Folgeklagen. Viele tausend von Teldafax getäuschte Kunden können sich nun Hoffnung auf Schadensersatz machen und Forderungen in Millionenhöhe stellen.

Der Stromhändler Teldafax meldete im Juni 2011 Insolvenz an. Nach Angaben des Insolvenzverwalters Biner Bähr handelte es sich nach der Zahl der Gläubiger um die größte Insolvenz in der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Teldafax hatte mehr als 750.000 Kunden, die oft im Voraus zahlten und deshalb nun Gläubiger sind. Die Staatsanwaltschaft Bonn ermittelt gegen Koch und andere Vorstände wegen des Vorwurfs der Insolvenzverschleppung und Betrugs.

In dem Fall, der nun in Lingen entschieden wurde, beschwerte sich ein Kunde wegen bewusster Irreführung. Er hatte im März 2011 einen Vertrag mit Teldafax geschlossen und einen Jahresabschlag gezahlt. Zu diesem Zeitpunkt stand das Unternehmen aber schon am Abgrund. Die Deutsche Postbank weigerte sich, noch Zahlungsverkehr für Teldafax abzuwickeln, in der Buchhaltung herrschten chaotische Zustände. Zahlreiche Netzbetreiber, darunter die Stadtwerke Lingen, hatten Teldafax wegen ständiger Säumigkeit schon abgeschaltet. Der Kunde musste einen neuen Vertrag mit einem anderen Anbieter schließen – und seinen Strom zum zweiten Mal bezahlen.

Der Kunde klagte gegen Koch persönlich, weil dieser nicht nur Vorstand von Teldafax war, sondern auch Geschäftsführer der Teldafax Services GmbH, über welche die Abrechnungen liefen. Das Amtsgericht Lingen urteilte: „Der Beklagte als Verantwortlicher in seiner Position als Geschäftsführer hat hier bewusst hingenommen, dass der Kläger aller Voraussicht nach eine Geldleistung erbringen würde, für die er die Gegenleistung in Form der Energielieferung nicht mehr erhalte würde. (...) Der Beklagte als Geschäftsführer der Teldafax Services GmbH täuschte den Kläger insoweit vorsätzlich.“

Nun könnte eine ganze Welle weiterer Klagen folgen. „Wir haben schon jetzt 15 vergleichbare Fälle vorliegen – und es kommen ständig neue hinzu“, sagt Kundenanwalt Florian Dälken von der Kanzlei Bauer, Dälken & Kollegen in Lingen. Er sieht seinen Fall als Musterprozess.

Als Teldafax 2011 Insolvenz anmeldete, standen mehr als 750.000 Namen in der Kundenkartei. Koch will sich gegen jede Klage verteidigen. Bisher habe er einen Fall verloren und vier gewonnen, sagte sein Anwalt Lars Winkler dem Handelsblatt. Gegen den Lingener Urteilsspruch habe er keine Berufung einlegen können, weil die Schwelle dafür bei einem Streitwert von 650 Euro liege. Kochs Problem: Auch bei der großen Masse aller möglichen Kläger geht es um Schäden unter der Marke von 650 Euro.

 
Sönke Iwersen
Sönke Iwersen
Handelsblatt / Leiter Investigative Recherche

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  • Die Risse in der Fassade in 2008 können wohl nicht so gross gewesen sein dass sie jeder bemerkt hat. In 2009 hat Teldafax noch Werbung gemacht mit einem Testsieg, Test 03-2009, als bester Tarif bei den überregionalen Anbietern, prämiert durch das Deutsche Institut für Service-Qualität, mit dem Handelsblatt Logo im Test-Siegel.

  • 600 Euro, nicht 650 Euro, siehe Zivilprozessordnung (ZPO):

    § 511 Statthaftigkeit der Berufung

    (1) Die Berufung findet gegen die im ersten Rechtszug erlassenen Endurteile statt.

    (2) Die Berufung ist nur zulässig, wenn

    1.
    der Wert des Beschwerdegegenstandes 600 Euro übersteigt oder
    2.
    das Gericht des ersten Rechtszuges die Berufung im Urteil zugelassen hat.

    (3) Der Berufungskläger hat den Wert nach Absatz 2 Nr. 1 glaubhaft zu machen; zur Versicherung an Eides statt darf er nicht zugelassen werden.

    (4) Das Gericht des ersten Rechtszuges lässt die Berufung zu, wenn

    1.
    die Rechtssache grundsätzliche Bedeutung hat oder die Fortbildung des Rechts oder die Sicherung einer einheitlichen Rechtsprechung eine Entscheidung des Berufungsgerichts erfordert und
    2.
    die Partei durch das Urteil mit nicht mehr als 600 Euro beschwert ist.

    Das Berufungsgericht ist an die Zulassung gebunden.

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