Nach Anzeige
Ermittlungen gegen Zalando-Reporterin eingestellt

Mit ihrer Undercover-Recherche beim Online-Modehändler Zalando löste Reporterin Caro Lobig eine Welle der Empörung aus. Doch ihre Arbeit brachte ihr auch eine Anzeige ein. Nun wurden die Ermittlungen eingestellt.
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ErfurtDruck von Vorgesetzten und gesundheitliche Ausbeutung bis an die Leistungsgrenze – was die 21-jährige Reporterin Caro Lobig im Logistiklager des Textilversands Zalando erlebt hat, erschütterte vor rund drei Monaten nicht nicht nur Arbeitsrechtler. Für die RTL-Sendung „Extra“ hatte die Reporterin drei Monate undercover in einem Logistiklager des Textilriesen gearbeitet. Nach ihren Recherchen soll Zalando massiv gegen das Arbeitsrecht verstoßen haben. Weil Lobig bei ihren Recherchen eine Kamerabrille trug, wurde bei ihrer Enttarnung die Polizei eingeschaltet. Am 8. April 2014 ging eine Anzeige wegen des Verdachts der Wirtschaftsspionage ein.

Nun hat die Staatsanwaltschaft Erfurt die Ermittlungen gegen die Reporterin eingestellt. Behördensprecher Hannes Grünseisen bestätige gegenüber dem mdr, dass die journalistische Tätigkeit mit einer Kamerabrille nicht strafbar sei. Der Verdacht auf Verrat von Geschäfts- und Betriebsgeheimnissen habe sich nicht bestätigt.

Schon kurz nach der Anzeige hatte Lobigs Mentor, der erfahrene Enthüllungsjournalist Günter Wallraff, die Klage „völliger Irrsinn“ bezeichnet. Lobig habe nie die Absicht gehabt, „Betriebsgeheimnisse in die Öffentlichkeit zu tragen“, sondern arbeitsrechtliche Missstände offenzulegen, hatte Wallraff im Gespräch mit Handelsblatt Online erklärt.

In ihrer RTL-Reportage hatte Lobig berichtet, dass die Arbeit körperlich sehr belastend sei. Für Verschnaufpausen sei wenig Zeit, Sitzen generell unerwünscht. Der Scanner, der den Mitarbeitern den Weg durch die Regale weist und die entsprechenden Artikel erfasst, sei zur Überwachung der Arbeitsleistung missbraucht worden, zudem hätten sich Vorgesetzte in der Dienstkleidung normaler Angestellter unter die Mitarbeiter gemischt. Und mit der Geldprämie werde die wechselseitige Bespitzelung gefördert.

Das Unternehmen hatte nach dem Bericht ein Projektteam ins Leben gerufen, das die Kritik untersuchen soll. Gemeinsam mit den Mitarbeitern wolle man zudem über längere Pausen diskutieren, erklärte ein Unternehmenssprecher. Auch über eine Anpassung der Schichtzeiten an den öffentlichen Nahverkehr soll nachgedacht werden. Eine Belohnung von 500 Euro für Mitarbeiter, die andere beim Diebstahl ertappen und Vorgesetzte darauf hinweisen, solle abgeschafft werden.

Außerdem will das Unternehmen den Anteil unbefristet angestellter Mitarbeiter an der Belegschaft erhöhen. Bei einem Runden Tisch im Thüringer Sozialministerium soll das Unternehmen keine Bedenken bei der Einrichtung eines Betriebsrates verkündet haben. Am Standort beschäftigt das Versandunternehmen rund 2.000 Mitarbeiter.

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