Nach dem Middelhoff-Urteil
Warum mächtige Menschen sich selbst überschätzen

Macht verleitet manch einen zum Größenwahn. Das ist nicht nur Ex-Arcandor-Chef Thomas Middelhoff zum Verhängnis geworden. Wo die Gründe liegen und wie sich Manager vor Selbstüberschätzung schützen können.
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DüsseldorfEin Manager macht Karriere, verdient viel Geld, erlangt Ruhm und Macht – und landet plötzlich im Gefängnis. Die deutsche Wirtschaftsszenerie bietet in letzter Zeit reichlich Stoff in diesem Genre. Erst Uli Hoeneß, jetzt also Thomas Middelhoff.

Der Prozess gegen den früheren Arcandor-Chef hat gezeigt, wie tief Wirtschaftsbosse stürzen können, wenn sie Opfer ihrer selbst werden. Wenn Sie Größenwahn verfallen sind. Psychologen und Persönlichkeitstrainer sehen bei diesem Phänomen besonders eine Spezies gefährdet: Menschen mit Macht, Erfolg und Charisma. Menschen, die das haben, was auch Thomas Middelhoff lange Zeit besaß.  

Für Psychologin und Buchautorin Bärbel Wardetzki ist der gefallene Manager „die fast lehrbuchartige Form einer narzisstischen Persönlichkeit“. Menschen wie Middelhoff, sagt Wardetzki im Gespräch mit Handelsblatt Online, „faken die Welt so, dass sie ihren Vorstellungen entspricht. Sie würden sich niemals selbst infrage stellen – schuld sind immer die anderen.“

Es war die Verkennung der eigenen Fehlbarkeit, mit der sich auch Middelhoff in seinem Prozess ins Abseits manövrierte. Der frühere Top-Manager sah sich selbst eher als Opfer. Der Prozess um die Nutzung von Hubschraubern und Privatjets, in dem er angeklagt war, schien für ihn eine Posse zu sein. Was er getan habe, sei „gelebte Praxis in Großkonzernen“ und „zum Wohle des Unternehmens“ geschehen, hatte Middelhoff stets betont. Bis zum Schluss war er sich keines Fehlverhaltens bewusst.

Als Uli Hoeneß auf der Anklagebank saß, war am Ende Reue zu spüren. Middelhoff verkörperte vor allem eins: Trotz und Uneinsichtigkeit. Das ist der Punkt, in dem sich die verurteilten Manager fundamental unterscheiden.

Für Middelhoffs Selbstüberschätzung ist vermutlich seine eigene Persönlichkeit verantwortlich. So sieht es der Frankfurter Psychiater und Psychotherapeut Hansjörg Becker: „Middelhoff war ein Erfolgsmensch“, sagt er im Gespräch mit Handelsblatt Online. „Vieles von dem, was er gemacht hat, hat funktioniert. In dieser Position kann man Gefahr laufen, die Folgen des eigenen Tuns nicht mehr abschätzten zu können.“

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„Menschen wie Middelhoff erkennen keine Grenzen an“

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  • Stimmt und stimmt nicht! Auch kontroverse Forscher/Autoren können, auch wenn nur in Teilen, hier, zur einer Diskussion beitragen. Was nicht geht ist, daß die Deutungshoheit nur einer Meinungsgruppe gehört! Die Erforschung/Diskussion der praktizierten Amoralität in vielen Chefetagen hat, auch, stark, mit dem Geldsystem (FIAT Money) zu tun, welche Herkunft und historischer Einfluss und Auswirkung nicht genügend hinterfragt wird, insbesondere durch die, die davon am meisten profitieren. Wichtig wäre, dass die Diskussion, an sich, profitabel wird und dann sind solche Bedenken sehr relativ.

  • Diese "Mächtigen" brauchen IMMER äußere Grenzen. Duldung, Schweigen, Resignation, Angst und zulassen von solchen Handlungen gibt es in fast jeder Hierarchiestufe.
    Zu finden ist dies nicht nur in der freien Wirtschaft sondern in besonderem Maße in Kirchen, öffentlichen Verwaltungen und in der Politik.
    Es gibt immer MEHRERE die wegsehen, weil mit vermeintlich Besserem "aufgewogen" wird......
    Ca. 70% ALLER Beschäftigten in Deutschland haben lt. Studie innerlich gekündigt und die gemeldete Zahl psychischer Erkrankungen hat und nimmt immer noch extrem zu. -Warum wohl?
    Nicht nur Belegschaft, Aufsichtsräte und Betriebsräte sind hier gefordert, es muss gesetzlich, leicht einklagbare Regeln für Fehlverhalten und psychischer Körperverletzung von Mächtigen geben!
    Hinweisgeber (Whistleblower) werden tatsächlich nicht ernstgenommen oder ihnen drohen Repressalien was oft mit Angst oder Entlassung endet. (gerade auch in Deutschland!)
    Seht hin! -Sagt es laut! Sucht Verbündete! Kämpft! -Und lasst euch nicht abwimmeln oder entmutigen! Diese „Art“ von Mächtigen will keiner und braucht KEINER!

  • Es ist bedauerlich, dass hier ein Kommentar abgedruckt wurde, in dem Mathilde Ludendorff zitiert wird, die bekanntermaßen Antisemitin war und im 3. Reich eine sehr unrühmliche Rolle gespielt hat!

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