Nach dem Sturz von Deutsche-Börse-Chef Seifert
Gercke: "Das bequeme Leben ist vorbei"

Der Einfluss spekulativer Anleger auf inländische Unternehmen nach dem Beispiel der Deutschen Börse wird nach Ansicht des Börsenexperten Prof. Wolfgang Gerke wachsen.

HB NÜRNBERG. „Das Management muss sich umstellen“, sagte der Nürnberger Lehrstuhlinhaber für Banken- und Börsenwesen in einem dpa-Gespräch. Früher habe es viele Querverbindungen zwischen den Aktionären, vor allem zwischen Banken und Versicherungen, gegeben. „Man saß gegenseitig in den Aufsichtsräten, das war ein bequemes Leben, doch das ist vorbei“, sagte Gerke.

Bei der Deutschen Börse hatte der Konflikt mit Kritikern um den britischen Hedge-Fonds TCI wegen der Übernahme der Londoner Börse LSE zum Rücktritt von Börsenchef Werner Seifert geführt. Auch Aufsichtsratschef Rolf Breuer wird gehen. Nach Ansicht Gerkes war es ein „Riesenfehler“ des Managements, zu sehr nach London geschielt zu haben. „Wichtiger wäre es gewesen, mehr für das Emissionsgeschäft zu tun. Wir haben sehr viele börsenreife Unternehmen hier“, sagte der Wissenschaftler.

Die Deutsche Börse habe sich im Tauziehen um die schließlich gescheiterte Übernahme der LSE auch als schlechter Verlierer erwiesen. „Man hat Renommee und Zukunft leichtfertig aufs Spiel gesetzt.“ Nun sei das Unternehmen selbst „ein bisschen zum Spielball“ geworden. „Man weiß nicht, was die neuen Eigentümer noch vorhaben.“

Nach einer Studie hielten Anfang März deutsche Aktionäre nur noch 7 Prozent der Anteile, 48 Prozent entfielen auf britische, 29 Prozent auf US-Investoren. „Man muss sehr darauf achten, dass die Interessen der Börsennutzer nicht in den Hintergrund treten“, sagte Gerke.

Bei den Unternehmen beginne man nachzudenken, wie dem Einfluss von Hedge-Fonds begegnet werden könne. Gerke forderte die deutschen Investmentfonds auf, die auf sie übertragenen Stimmrechte intensiv „im Sinne der Anteilseigner“ bei den Hauptversammlungen wahrzunehmen. „Ich hoffe, dass so ein Gegengewicht zu den Hedge-Fonds entsteht. Deutsche Fonds sind bisher langfristige oder zumindest mittelfristige Investoren.“

In der Fondsbranche stoßen die Vorschläge von Gercke zumeist auf Unverständnis. Schließlich seien die meisten deutschen Investmentfonds beispielsweise an der Deutschen Börse nur mit weniger als ein Prozent beteiligt und könnten dementsprechend gar keine geschlossene Gegenmacht bilden - von den rechtlichen Problemen von Absprachen ganz zu schweigen. Zudem dürfen die "normale" Investmentfonds im Gegensatz zu Hedge-Fonds ihren Anteil nicht beliebig aufstocken.

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