Nach den Terror-Anschlägen
Reiseveranstalter hoffen auf "Gewöhnungseffekt"

Die jüngsten Anschläge in London, der Türkei und Ägypten haben Ziele des Massentourismus getroffen. Die Branche muss einen Rückgang der Urlauberzahlen fürchten. Auch deutsche Reiseanbieter fragen sich, wie gravierend die Folgen des Terrors sein werden.

HB HANNOVER. Nur eine Woche nach dem Anschlag gegen Touristen im türkischen Urlaubsort Kusadasi und wenige Tage nach den erneuten Bomben in der Londoner U-Bahn richteten Terroristen in der Urlauberhochburg auf dem Sinai ein Blutbad an. Keine guten Zeiten für die Tourismusbranche.

Die großen deutschen Reiseveranstalter üben sich offenbar in Gleichmut. Sie sehen ihre Geschäftsaussichten durch den Terror nur wenig berührt. Eine Prognose sei aber schwierig. "Die Reaktion kann immer anders sein“, meint Nina Dumbert vom Branchenzweiten Thomas Cook.

TUI und Thomas Cook haben zwar mit Sonderflügen am Wochenende Urlauber vorzeitig nach Hause gebracht. Die weitaus größere Zahl der Kunden blieb aber in der "Oase des Friedens", wie Scharm el Scheich übersetzt heißt. Die Veranstalter bestätigten auch, dass es nur wenig Umbuchungswünsche gebe. Unter fünf Prozent der Urlauber wollten bisher Ägypten absagen und anderswo hinreisen, zog Dumbert für Thomas Cook eine erste Bilanz.

Beim Reiseziel Türkei gebe es eine Woche nach dem Attentat auf einen Kleinbus nur weniger als ein Prozent Umbuchungen, berichtet TUI-Sprecher Robin Zimmermann. Kurzfristig könnten die Neubuchungen für den Sinai zwar zurückgehen, erwarten die Reiseveranstalter. Aber auf Dauer gebe es erfahrungsgemäß keine Buchungsrückgänge.

Experten gehen mittlerweile davon aus: Urlauber nehmen es seit den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York und Washington in Kauf, dass das Risiko größer geworden ist. "Die Vergangenheit zeigt uns, dass durchaus ein gewisser Gewöhnungseffekt eintritt, weil wir keine dauerhaft negativen Auswirkungen auf die Buchungslage sehen“, berichtet Zimmermann von den Erfahrungen der TUI. Und alltours-Geschäftsführer Willi Verhuven meint: "Unsere Kunden wissen inzwischen, dass es absolute Sicherheit nicht mehr gibt - weder beim Städte-Wochenende in London noch beim Tauchurlaub in Ägypten.“

Auch wenn die jüngsten Anschläge mit der Türkei und Ägypten zwei Urlaubsländer getroffen haben, die zu den Massenzielen gehören, dürften die Folgen für die großen deutschen Reiseanbieter also wenig gravierend sein. Natürlich kosteten Umbuchungen und Reiseabbruch die Veranstalter Geld, sagt Professor Karl Born, Tourismusexperte von der Hochschule Harz in Wernigerode. „Aber es bringt sie nicht in eine existenzbedrohende Lage.“

Der immer kürzere Abstand zwischen den Anschlägen könnte allerdings doch Veränderungen im Urlauberverhalten auslösen. "Das hat eine neue Qualität“, sagt Born. Nichts deute jedoch darauf hin, dass die Leute gar nicht mehr in Urlaub fahren. Allenfalls änderten sie ihre Lieblingsziele. Die führenden Anbieter seien aber durchaus in der Lage, auch größere Urlauberströme umzuleiten. Problematischer sei die Situation für Spezialveranstalter, die nur bestimmte Länder im Angebot hätten, sowie vor allem für die Urlaubsindustrie vor Ort.

Der Tourismusexperte warnt, dass die Veranstalter über den Weg der Beteiligung an Hotels und Ausflugsagenturen in den Urlaubsländern also sehr wohl betroffen sein können, allen voran die TUI. "Es wird die TUI nicht umbringen“, meint Born. Aber mit dem Umbau von einem Mischkonzern zum reinen Tourismus- und Logistikunternehmen sei sie in dieser Hinsicht schon krisenanfälliger geworden.

Unterdessen hat der ägyptische Tourismusminister Ahmed al-Maghrabi in Kairo mitgeteilt, er rechne wegen der Anschläge nicht mit einem Rückgang der Urlauberzahlen: "Wir haben unsere Prognose für 2005 nicht nach unten korrigiert.“ Selbst in Scharm el Scheich rechneten die Hoteliers für November wieder mit höheren Touristenzahlen.

Für Ägypten ist der Tourismus die wichtigste Deviseneinnahmequelle und brachte 2004 Einnahmen von umgerechnet 6,1 Milliarden Dollar. Im vergangenen Jahr besuchten nach offiziellen Angaben 8,1 Millionen Touristen das Land am Nil, für 2005 lautete die Prognose neun Millionen Besucher.

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