Nach Germanwings-Absturz
Deutsche Airlines führen Zwei-Personen-Regel ein

Die deutschen Fluggesellschaften führen nach dem Germanwings-Absturz ab sofort die Zwei-Personen-Regel im Cockpit ein. Bei der Lufthansa soll die freiwillige Vereinbarung bei allen Passagierflügen im Konzern gelten.
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Berlin/FrankfurtAls Reaktion auf den offenbar vom Co-Piloten absichtlich herbeigeführten Absturz einer Germanwings-Maschine führen die deutschen Fluggesellschaften die Zwei-Personen-Regel im Cockpit ein. Nach dem vereinbarten vorläufigen Verfahren müssen immer zwei autorisierte Crewmitglieder im Cockpit sein, wie der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) am Freitag in Berlin mitteilte. Die Lufthansa will diese Regelung nach eigenen Angaben „so schnell wie möglich“ umsetzen.

Die Airlines stimmten sich laut BDL bei den Beratungen am Freitagmorgen auch mit dem Bundesverkehrsministerium und dem Luftfahrt-Bundesamt ab. Die Umsetzung der Vereinbarung liegt demnach in der Hand der einzelnen Fluggesellschaften. Bei der Lufthansa wird die Zwei-Personen-Regel nach Unternehmensangaben bei allen Passagier-Airlines des Konzerns eingeführt, also auch beim Tochterunternehmen Germanwings.

Die Pilotengewerkschaft hat begrüßt, dass die deutschen Airlines künftig dafür sorgen wollen, dass immer zwei Personen gleichzeitig im Cockpit eines Flugzeugs sein müssen. Das in Rede stehende Vier-Augen-Prinzip im Cockpit biete eine erste Möglichkeit, auf die Gefahren zu reagieren, erklärte die Vereinigung Cockpit (VC) am Freitag in Frankfurt. „Wir dürfen jetzt aber keinen Generalverdacht gegenüber allen Besatzungsmitgliedern aufkommen lassen“, warnte VC-Präsident Ilja Schulz gleichzeitig. Er vertraue weiterhin in die Piloten. Deren sorgfältige Auswahl, Ausbildung und Qualifikation bleibe auch nach dem tragischen Flug 4U 9525 die Basis für sicheres Fliegen.

Forderungen nach Einführung der Zwei-Personen-Regel waren aufgekommen, weil der Co-Pilot der Germanwings-Maschine nach den bisherigen Ermittlungen allein im Cockpit saß, als er den Airbus am Dienstag offenbar absichtlich in den französischen Alpen zum Absturz brachte. Der Flugkapitän hatte die Kabine kurz verlassen, um auf die Toilette zu gehen. Er kam danach nicht zurück ins Cockpit, weil der Co-Pilot offenbar bewusst die Tür nicht öffnete.

Bereits am Donnerstag hatten mehrere Fluggesellschaften angekündigt, ihre Vorschriften zu verschärfen, so dass das Cockpit immer mit mindestens zwei Menschen besetzt ist. Während die europäischen Luftfahrtregeln dies nicht zwingend vorschreiben, gilt diese Vorschrift etwa in den USA.

Auch Österreich führte nun offiziell die Zwei-Personen-Regelung für Cockpits ein. Die Maßnahme gelte ab sofort, sagte eine Sprecherin des Verkehrsministeriums in Wien. Sie forderte eine entsprechende europaweite Regelung. Die Regelung der Flugüberwachung Austro Control betrifft die Fluggesellschaften Austrian Airlines und Flyniki. Austrian Airlines ist eine Tochter der Lufthansa, Flyniki gehört zu Airberlin.

Die Lufthansa führt zudem nach eigenen Angaben ab sofort und bis auf weiteres die Position eines Konzernsicherheitspiloten ein, der ergänzend zu den Sicherheitspiloten der einzelnen Airlines des Konzerns übergreifende Verantwortung hat. Diese Aufgabe übernimmt demnach der Lufthansa-Sicherheitspilot Werner Maas mit sofortiger Wirkung und in Personalunion mit seiner jetzigen Aufgabe. Er werde mit "übergreifender Verantwortung flugsicherheitsrelevante Verfahren überprüfen und weiterentwickeln", erklärte die Lufthansa.

Die EU-Behörden denken ebenfalls über neue Empfehlungen für die Besetzung des Cockpits nach. EU-Mitarbeiter erklärten am Freitag in Brüssel, sie berieten mit der Branche und den nationalen Regierungen darüber. Derzeit würden kurzfristige Maßnahmen geprüft, hieß es. „Wir sprechen über die Zahl der Personen im Cockpit.“ Es werde ermittelt, ob neue Empfehlungen angemessen und machbar seien.

Die Europäische Agentur für Flugsicherheit EASA kann verbindliche technische Vorgaben nur für die Flugtauglichkeit von Maschinen machen. In anderen Fragen spricht sie aber Empfehlungen aus - diese können aber eine Grundlage für spätere Gesetze sein.

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AFP news agency (Agence France-Presse) / Nachrichtenagentur
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  • @Ulrich Lehmenkmühler

    Ein Chefsteward kann zwar keine Aufgaben im Cockpit übernehmen, jedoch ein absichtliches Blockieren der Tür - wie beim jetzigen Absturz- verhindern.

    Wo sich der "Lock"-Schalter befindet, kann man dem Chefsteward schnell beibringen.

    Mir wäre ein drittes permanentes Besatzungsmitglied im Cockpit auch lieber, aber das ist im Zeitalter von Computer-Cockpits nicht durchsetzbar.

  • die Zwei-Personen Regel macht nur Sinn, wenn eine Person -ähnlich wie damals der Flugingenieur- einspringt.

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