Nach Germanwings-Absturz
Kein Arztgeheimnis für Piloten?

Ließ Andreas L. das Germanwings-Flugzeug abstürzen, weil er psychisch krank war? Der Co-Pilot hatte in der Vergangenheit offenbar Probleme. Nun wird die Forderung laut, die ärztliche Schweigepflicht aufzuweichen.
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DüsseldorfEs ist ein Gesetz der öffentlichen Debatte: Extreme Ereignisse rufen extreme Forderungen hervor. Das gilt nach Terroranschlägen, wenn Sicherheitspolitiker mehr Überwachung verlangen. Und das gilt auch nach dem Absturz der Germanwings-Maschine in den Alpen: Der Co-Pilot Andreas L., der den Airbus A320 nach Einschätzung der Behörden bewusst zerstörte, hatte früher psychische Probleme. Nun fordern Politiker und Wirtschaftsvertreter, die ärztliche Schweigepflicht für Kapitäne einzuschränken oder abzuschaffen. Ein solcher Schritt könnte jedoch mehr Probleme schaffen, als er lösen würde.

Hintergrund der Diskussion: Der 27-Jährige galt vor mehreren Jahren als suizidgefährdet und war in psychotherapeutischer Behandlung, indes vor seiner Pilotenausbildung. Bis zuletzt habe es „Arztbesuche mit Krankschreibungen“ gegeben, teilte die Staatsanwaltschaft Düsseldorf mit – allerdings sei dem Piloten in jüngster Zeit weder Selbst- noch Fremdgefährdung attestiert worden.

Diese Aussagen lassen etliche Fragen offen. Warum war L. zuletzt in Behandlung? Weshalb war er krankgeschrieben? Und warum legte er während seiner Pilotenausbildung eine mehrmonatige Pause ein? Die Staatsanwaltschaft hat weder Hinweise auf ein organisches Leiden gefunden noch eine Ankündigung der Tat oder gar einen Abschiedsbrief. Die Ermittler hoffen nun, dass die Akten des Uniklinikums Düsseldorf Aufschluss geben – dort war der Germanwings-Mitarbeiter für „diagnostische Abklärungen“ Patient.

Ob Andreas L. zum Tatzeitpunkt akut suizidgefährdet war, ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht öffentlich bekannt. Dennoch werden bereits Forderungen laut, die ärztliche Schweigepflicht für bestimmte Berufe zu lockern.

  • „Piloten müssen zu Ärzten gehen, die vom Arbeitgeber vorgegeben werden“, forderte der CDU-Verkehrsexperte Dirk Fischer in der „Rheinischen Post“. Die Mediziner müssten gegenüber dem Unternehmen und dem Luftfahrtbundesamt von der ärztlichen Schweigepflicht entbunden sein.

  • Ähnlich argumentiert Thomas Prinz, Arbeitsrechtsexperte des Arbeitgeberverbandes BDA. Wenn Beschäftigte in sicherheitsrelevanten Bereichen psychische Probleme haben, sollte eine unabhängige staatliche Stelle davon erfahren, argumentierte er im „Tagesspiegel“. Dies könne etwa das Gesundheitsamt sein. Das gleiche gelte für Seuchen.

  • Der Vorsitzende des Hartmannbundes, Klaus Reinhardt, will nach eigener Aussage zwar die ärztliche Schweigepflicht nicht grundsätzlich infrage stellen. In speziellen Fällen wie beim Co-Piloten der Germanwings-Maschine sei aber denkbar, „dass eine Krankschreibung – selbstverständlich ohne Angabe einer Diagnose – vom behandelnden Arzt direkt und gegebenenfalls elektronisch an den Arbeitgeber weitergeleitet wird. Zumindest im vorliegenden Fall wäre dies möglicherweise von Bedeutung gewesen.“

  • Der CDU-Bundestagsabgeordnete Thomas Jarzombek schlägt eine Expertenkommission vor, die die Frage klären soll, wie mit ärztlichen Diagnosen bei Menschen in besonders verantwortungsvollen Berufen wie Piloten umzugehen ist.

Doch ob solche Schritte im aktuellen Fall geholfen hätten, darf zum jetzigen Zeitpunkt bezweifelt werden. Denn einige der geforderten Ausnahmen gelten jetzt schon, andere hätten gravierende Folgen und wären womöglich gar kontraproduktiv.

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Schon jetzt gibt es Ausnahmen

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