Nachgefragt
Franzen: „Jeder altert, aber niemand will alt sein“

Das Handelsblatt spricht mit Hermann Franzen über Jugendkultur und die notwendigen Anpassungen des Einzelhandels. Hermann Franzen ist Präsident des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels (HDE) in Berlin.

Handelsblatt: Deutschland steht vor einem umwälzenden demographischen Wandel, die Zahl der älteren Konsumenten wird deutlich steigen. Hat sich der Einzelhandel genügend darauf vorbereitet?

Franzen: Wandel ist der stete Begleiter des Einzelhandels – schon seit vielen Jahrzehnten. Der Einzelhandel ist es gewohnt, sich rechtzeitig an Veränderungen anzupassen. Das wird auch bei dem großen Thema demographische Umwälzungen geschehen. Ich kenne kein einziges größeres oder mittleres Unternehmen, bei dem dies nicht auf der Agenda stünde, auch wenn sich das Thema erst in rund zehn Jahren richtig zuspitzen wird. Der Handel ist gerüstet.

Ist der heutige Jugendkult nicht eine Flucht aus der Realität, die in die völlig falsche Richtung führt?

Unsere Gesellschaft muss wieder lernen, das Älterwerden zu akzeptieren und als Teil des Lebens zu begreifen. Wenn Sie allerdings die Werbung und die Medien aufmerksam verfolgen, so werden Sie feststellen, dass der Jugendwahn schon etwas abgeflacht ist. Die so genannten „Best Agers“ sind auf dem Vormarsch und werden bereits als wichtige und vor allem kaufkräftige Zielgruppe heftig umworben. Heute gilt: Jeder altert, aber niemand will alt sein. Hierauf stellt sich auch der Einzelhandel bei seiner Kundenansprache ein.

Vor welchen Herausforderungen werden Deutschlands Einzelhändler stehen, wenn es mehr ältere als jüngere Konsumenten gibt?

Wir müssen in zwei Richtungen denken. Mehr ältere Menschen bedeutet, dass sich die Konsumstrukturen und die Konsumanforderungen ändern. Ältere Menschen über 65 konsumieren zwar etwas weniger als die Altersgruppe der 25 - 45-Jährigen, aber mehr als die 55 - 65-Jährigen. Die Vorstellung, unsere „Best Agers“ hätten schon alles und wären nicht mehr interessant, ist falsch. Die meisten Rentnerhaushalte wollen ihr Einkommen voll ausgeben. Insofern muss sich der Einzelhandel nicht übermäßig sorgen, sondern nur das richtige Angebot zur Verfügung stellen. Die Ausgaben für Verkehr und Nachrichtenübermittlung, für Nahrungsmittel, Unterhaltung und Freizeit gehen etwas zurück, die für Gesundheit und Körperpflege nehmen aber zu.

Können Sie Tipps aus der eigenen Praxis geben?

Der Handel sollte vor allem auf die Bedürfnisse der nicht mehr so jungen Menschen Rücksicht nehmen. Bei der Ladengestaltung heißt dies beispielsweise ein barrierefreies Einkaufen zu ermöglichen und gut lesbare Hinweise platzieren. Ältere Menschen sind nicht die typischen Grüne-Wiese-Käufer. In einer riesigen, kaum zu überschauenden Produktvielfalt fühlen sie sich nicht wohl. Für sie wird das Einkaufen in der Innenstadt wieder interessanter werden, wenn die Geschäfte gut erreichbar sind und das Angebot übersichtlich ist. Ich bin davon überzeugt, dass der Einzelhandel zu kleineren Formaten zurückkehren wird, mit mehr Bedienung und der Verknüpfung von Ware mit Dienstleistungen wie der Lieferung ins Haus oder der zusätzlichen Handwerksleistung. Auch der Einsatz moderner Technik kann hierzu einen positiven Beitrag leisten.

Welche Anpassung wird es noch geben müssen?

Wir werden auch Geschäfte bekommen, die Produkte anbieten, die in Art und Design speziell auf das Wohlbehagen älterer Menschen zugeschnitten sind, Produkte, die den Prozess des Alterns lindern, verzögern oder vergessen lassen. In diesem Zusammenhang erscheint mir ein Aspekt besonders wichtig. Der Handel muss gemeinsam mit den Städten dafür sorgen, dass die Nahversorgung, der Laden um die Ecke, erhalten bleibt.

Was wird passieren, wenn die Händler doch den richtigen Zeitpunkt für den Wandel verpassen?

Der Handel wird den richtigen Zeitpunkt nicht verpassen, da bin ich ganz zuversichtlich. Wo der Handel ein Geschäft wittert, wird dies auch gemacht. Es wird natürlich Händler geben, die auch nach 2015 auf jüngere Kunden spezialisiert bleiben. Das ist auch richtig, denn wir müssen ja für alle Altersgruppen Ware vorhalten. Der Markt wird ein ausgewogenes Verhältnis herbeiführen.

Nun noch zu einem anderen Thema. Was erwartet den Einzelhandel in diesem Jahr?

Eine echte Trendwende wird es wohl erst geben, wenn Beschäftigung und Arbeitnehmereinkommen deutlich steigen. Das wird 2005 kaum der Fall sein. Stellenabbau und Einsparung bei den Personalkosten stehen in vielen Unternehmen weiter auf der Agenda. Die Kaufkraft wächst trotz letzter Stufe der Steuerreform nur schleppend. Aber wahrscheinlich wird 2005 wieder etwas mehr investiert und die Binnennachfrage scheint sich zu stabilisieren. Dann könnte der Einzelhandel wenigstens das Ergebnis des vergangenen Jahres erreichen.

Die Fragen stellte Ruth Vierbuchen.

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