Nachtflugverbot
Geisterstunde an der Startbahn

Beim Flughafenausbau in Frankfurt wollte die Politik mit einem Kompromisskurs Betreiber und Gegner versöhnen. Sie ist gründlich gescheitert. Durch das Nachtflugverbot kommt es zu absurden Zuständen.
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FrankfurtDer Frust steht Kay Kratky ins Gesicht geschrieben. „Ich habe Verständnis für die Menschen, die für ihre Nachtruhe kämpfen. Aber das hier entwickelt sich gerade in eine völlig falsche Richtung“, sagt der Flugkapitän. Er ist Mitglied des Vorstands der Passagiersparte von Lufthansa, und was ihn so nervt ist das Nachtflugverbot ab elf Uhr am Frankfurter Flughafen. Besser gesagt die aus seiner Sicht übertrieben rigide Handhabung dieses Verbots: Immer wieder muss Lufthansa Flugzeuge, die schon kurz vor der Startbahn stehen, zurück ans Gate rufen, müssen die Passagiere bis zum nächsten Tag warten, weil es durch Verzögerungen im Betriebsablauf plötzlich kurz nach 23 Uhr ist.

In Frankfurt treffen zwei Welten aufeinander. Auf der einen Seite sind die Flughafengegner, die lärmgeplagten Bürger in vielen Nachbargemeinden des größten deutschen Airports. Penibel zählen sie seit dem vom höchsten deutschen Verwaltungsgericht verhängten Nachtflugverbot die Flüge, die dennoch zwischen 23 und fünf Uhr in der Früh stattfinden. Alleine im Mai waren es nach der Statistik des hessischen Verkehrsministeriums 207 Starts und Landungen.

Auch Kratky präsentiert Zahlen, die beeindrucken, die das ganze Dilemma des „Frankfurter Modells“ zeigen. 1200 Fluggäste mussten unmittelbar vor Pfingsten in Hotels übernachten, 300 sogar am Terminal, weil sie als Umsteiger-Passagiere keine gültigen Einreisedokumente hatten. Darunter waren Familien mit Kleinkindern oder auch allein reisende Kinder.

Alles das ist Folge jahrzehntelanger Fehlentscheidungen. Vor Jahren hatte sich die Politik die bürgerliche Zustimmung für den Bau einer vierten Bahn mit dem Versprechen eines Nachtflugverbots erkauft. Dann weichte die CDU-Regierung dieses Versprechen auf. Plötzlich sollte auch nachts geflogen werden, wenn auch deutlich weniger als vor der Inbetriebnahme der vierten Bahn. Später kippte der Bundesverwaltungsgerichtshof in Leipzig die nun doch erlaubten Nachtflüge wieder.

Das Dilemma: Die Politik hat sich an dem Thema Flughafenausbau mittlerweile so sehr die Finger verbrannt, dass ihr gar nichts anderes übrigbleibt, als nach außen Härte zu zeigen. Spätestens die Wahlschlappe der CDU bei der Bürgermeisterwahl in Frankfurt hat den Politikern gezeigt, dass das Thema äußerst sensibel ist.

Doch Lufthansa-Vorstand Kratky kämpft weiter. „Wir brauchen flexiblere Regelungen, vor allem, wenn die Airlines keine Schuld an den Verzögerungen trifft“, sagt er. Lufthansa habe bereits den Flugplan soweit möglich nach vorne gezogen. „Der letzte Flug hier in Frankfurt verlässt das Gate um 22.15 Uhr. Wie haben also 45 Minuten Puffer eingeplant.“

Für die Airlines geht es um viel. „Die Situation bedeutet nicht nur einen Reputationsverlust für Lufthansa, sie kostet auch richtig Geld. Allein Lufthansa hat seit dem Nachtflugverbot Ende vergangenen Jahres Mehrkosten im knapp zweistelligen Millionenbereich, etwa für Hotels oder Verpflegung“, sagt Kratky. Noch schlimmer seien aber die langfristigen Folgen: „Wir hören immer häufiger von Passagieren, dass sie Flüge, die kurz vor Beginn des Nachtflugverbots abheben sollen, künftig vermeiden und auf andere Airlines und Flughäfen ausweichen wollen. Das ist eine sehr gefährliche Entwicklung.“

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt

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  • Ich habe kein Mitleid mit Dilettanten, die ihren Flugbetrieb nicht pünktlich auf die Reihe kriegen. Es geht doch nicht um Passagiere, sondern Renditeoptimierung. Aber kein Unternehmen kann auf Dauer die Maximierung seiner Renditekennziffern gegen die Gesundheit und das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit von Menschen durchsetzen. Es verliert die gesellschaftliche Legitimation. Das sollten Vorstandsvorsitzende börsennotierter Unternehmen im Grundstudium gelernt haben. Niemand in der Rhein-Main-Region braucht die neue Landebahn - auch ich als Vielflieger mit LH Senatorstatus nicht. Das zusätzliche Wachstum dient nicht mehr den Menschen hier, sondern nur noch den Renditeanforderungen einer in ihr eigenes Wachstum verliebten Luftverkehrswirtschaft. Die Nachteile, nämlich Lärmterror, Schadstoffbelastung, Feinstaubemissionen, werden kalt lächelnd auf die Solidargemeinschaft abgewälzt. Hätten die Verursacher dafür zu zahlen, wäre die Lufthansa, diese seit Jahren am Existenzminimum dahinsiechende Laienspielschar, gleich am Ende. So subventionieren die Anwohner mit ihrer Gesundheit ein schlecht geführtes Unternehmen, das allein deswegen nur noch existiert, weil es für die von ihm verursachten Schäden nicht zur Verantwortung gezogen wird.

  • Massenentlassungen in Frankfurt und an anderen Airports in Deutschland. Arbeitslose in die Callcenter und zu den Versicherungen und Immobilienmaklern. Wir suchen Fachkräfte und keine Lärmenden. Die dann zuhause bleibenden Billigflieger können wir sinnvoll einsetzen als Willkomensgrüßer für die neuhinzukommenden Freunde aus Übersee - soigenannte Fachkräfte... Tolles Land. Wir beim Hamburgerbrater; I'm lovin it.

  • Vorweg: Ich wohne nicht in Frankfurt, ich habe es viel Schlimmer - ich wohne bei Köln. Hier brettern 30 Jahre alte Frachtmaschinen, oder auch mal militärische C17 Globemaster (die Dinger sind RICHTIG laut) zu JEDER beliebigen Tages- und Nachtzeit in weniger als 1000m Startflughöhe über die Häuser.

    Das Nachtflugverbot in Frankfurt ist eine große Errungenschaft für die Bevölkerung, und es ist zu hoffen daß dies auch an weiteren Flughäfen Schule macht.
    Denn Gesundheit muß vor Profit kommen. Und wenn eine Maschine wieder zum Gate zurück muß, weil es "pötzlich 23 Uhr ist" (huch, wie kann denn sowas passieren? Hat da jemand an der Uhr gedreht oder wie?), dann ist das eben so. Die Menschen werden ja nur durch Schaden klug; so eine unfreiwillige Nacht im Hotel kann da schon mal ganz lehrreich sein. Gibt den Gestrandeten zumindest Zeit über das WARUM nachzudenken. Dann kommen sie vielleicht sogar auf den Gedanken, wie egoistisch es ist in der Nacht fliegen zu wollen, auf Kosten der Gesundheit Tausender.

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