Nachtflugverbot Geisterstunde an der Startbahn

Beim Flughafenausbau in Frankfurt wollte die Politik mit einem Kompromisskurs Betreiber und Gegner versöhnen. Sie ist gründlich gescheitert. Durch das Nachtflugverbot kommt es zu absurden Zuständen.
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Eigentlich strikt verboten: Eine Passagiermaschine der Lufthansa startet Anfang Januar auf dem Flughafen in Frankfurt am Main zu einem Nachtflug. Quelle: dpa

Eigentlich strikt verboten: Eine Passagiermaschine der Lufthansa startet Anfang Januar auf dem Flughafen in Frankfurt am Main zu einem Nachtflug.

(Foto: dpa)

FrankfurtDer Frust steht Kay Kratky ins Gesicht geschrieben. „Ich habe Verständnis für die Menschen, die für ihre Nachtruhe kämpfen. Aber das hier entwickelt sich gerade in eine völlig falsche Richtung“, sagt der Flugkapitän. Er ist Mitglied des Vorstands der Passagiersparte von Lufthansa, und was ihn so nervt ist das Nachtflugverbot ab elf Uhr am Frankfurter Flughafen. Besser gesagt die aus seiner Sicht übertrieben rigide Handhabung dieses Verbots: Immer wieder muss Lufthansa Flugzeuge, die schon kurz vor der Startbahn stehen, zurück ans Gate rufen, müssen die Passagiere bis zum nächsten Tag warten, weil es durch Verzögerungen im Betriebsablauf plötzlich kurz nach 23 Uhr ist.

In Frankfurt treffen zwei Welten aufeinander. Auf der einen Seite sind die Flughafengegner, die lärmgeplagten Bürger in vielen Nachbargemeinden des größten deutschen Airports. Penibel zählen sie seit dem vom höchsten deutschen Verwaltungsgericht verhängten Nachtflugverbot die Flüge, die dennoch zwischen 23 und fünf Uhr in der Früh stattfinden. Alleine im Mai waren es nach der Statistik des hessischen Verkehrsministeriums 207 Starts und Landungen.

Auch Kratky präsentiert Zahlen, die beeindrucken, die das ganze Dilemma des „Frankfurter Modells“ zeigen. 1200 Fluggäste mussten unmittelbar vor Pfingsten in Hotels übernachten, 300 sogar am Terminal, weil sie als Umsteiger-Passagiere keine gültigen Einreisedokumente hatten. Darunter waren Familien mit Kleinkindern oder auch allein reisende Kinder.

Alles das ist Folge jahrzehntelanger Fehlentscheidungen. Vor Jahren hatte sich die Politik die bürgerliche Zustimmung für den Bau einer vierten Bahn mit dem Versprechen eines Nachtflugverbots erkauft. Dann weichte die CDU-Regierung dieses Versprechen auf. Plötzlich sollte auch nachts geflogen werden, wenn auch deutlich weniger als vor der Inbetriebnahme der vierten Bahn. Später kippte der Bundesverwaltungsgerichtshof in Leipzig die nun doch erlaubten Nachtflüge wieder.

Das Dilemma: Die Politik hat sich an dem Thema Flughafenausbau mittlerweile so sehr die Finger verbrannt, dass ihr gar nichts anderes übrigbleibt, als nach außen Härte zu zeigen. Spätestens die Wahlschlappe der CDU bei der Bürgermeisterwahl in Frankfurt hat den Politikern gezeigt, dass das Thema äußerst sensibel ist.

Doch Lufthansa-Vorstand Kratky kämpft weiter. „Wir brauchen flexiblere Regelungen, vor allem, wenn die Airlines keine Schuld an den Verzögerungen trifft“, sagt er. Lufthansa habe bereits den Flugplan soweit möglich nach vorne gezogen. „Der letzte Flug hier in Frankfurt verlässt das Gate um 22.15 Uhr. Wie haben also 45 Minuten Puffer eingeplant.“

Für die Airlines geht es um viel. „Die Situation bedeutet nicht nur einen Reputationsverlust für Lufthansa, sie kostet auch richtig Geld. Allein Lufthansa hat seit dem Nachtflugverbot Ende vergangenen Jahres Mehrkosten im knapp zweistelligen Millionenbereich, etwa für Hotels oder Verpflegung“, sagt Kratky. Noch schlimmer seien aber die langfristigen Folgen: „Wir hören immer häufiger von Passagieren, dass sie Flüge, die kurz vor Beginn des Nachtflugverbots abheben sollen, künftig vermeiden und auf andere Airlines und Flughäfen ausweichen wollen. Das ist eine sehr gefährliche Entwicklung.“

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11 Kommentare zu "Nachtflugverbot: Geisterstunde an der Startbahn"

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  • Ich habe kein Mitleid mit Dilettanten, die ihren Flugbetrieb nicht pünktlich auf die Reihe kriegen. Es geht doch nicht um Passagiere, sondern Renditeoptimierung. Aber kein Unternehmen kann auf Dauer die Maximierung seiner Renditekennziffern gegen die Gesundheit und das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit von Menschen durchsetzen. Es verliert die gesellschaftliche Legitimation. Das sollten Vorstandsvorsitzende börsennotierter Unternehmen im Grundstudium gelernt haben. Niemand in der Rhein-Main-Region braucht die neue Landebahn - auch ich als Vielflieger mit LH Senatorstatus nicht. Das zusätzliche Wachstum dient nicht mehr den Menschen hier, sondern nur noch den Renditeanforderungen einer in ihr eigenes Wachstum verliebten Luftverkehrswirtschaft. Die Nachteile, nämlich Lärmterror, Schadstoffbelastung, Feinstaubemissionen, werden kalt lächelnd auf die Solidargemeinschaft abgewälzt. Hätten die Verursacher dafür zu zahlen, wäre die Lufthansa, diese seit Jahren am Existenzminimum dahinsiechende Laienspielschar, gleich am Ende. So subventionieren die Anwohner mit ihrer Gesundheit ein schlecht geführtes Unternehmen, das allein deswegen nur noch existiert, weil es für die von ihm verursachten Schäden nicht zur Verantwortung gezogen wird.

  • Massenentlassungen in Frankfurt und an anderen Airports in Deutschland. Arbeitslose in die Callcenter und zu den Versicherungen und Immobilienmaklern. Wir suchen Fachkräfte und keine Lärmenden. Die dann zuhause bleibenden Billigflieger können wir sinnvoll einsetzen als Willkomensgrüßer für die neuhinzukommenden Freunde aus Übersee - soigenannte Fachkräfte... Tolles Land. Wir beim Hamburgerbrater; I'm lovin it.

  • Vorweg: Ich wohne nicht in Frankfurt, ich habe es viel Schlimmer - ich wohne bei Köln. Hier brettern 30 Jahre alte Frachtmaschinen, oder auch mal militärische C17 Globemaster (die Dinger sind RICHTIG laut) zu JEDER beliebigen Tages- und Nachtzeit in weniger als 1000m Startflughöhe über die Häuser.

    Das Nachtflugverbot in Frankfurt ist eine große Errungenschaft für die Bevölkerung, und es ist zu hoffen daß dies auch an weiteren Flughäfen Schule macht.
    Denn Gesundheit muß vor Profit kommen. Und wenn eine Maschine wieder zum Gate zurück muß, weil es "pötzlich 23 Uhr ist" (huch, wie kann denn sowas passieren? Hat da jemand an der Uhr gedreht oder wie?), dann ist das eben so. Die Menschen werden ja nur durch Schaden klug; so eine unfreiwillige Nacht im Hotel kann da schon mal ganz lehrreich sein. Gibt den Gestrandeten zumindest Zeit über das WARUM nachzudenken. Dann kommen sie vielleicht sogar auf den Gedanken, wie egoistisch es ist in der Nacht fliegen zu wollen, auf Kosten der Gesundheit Tausender.

  • 2.000 Hardcore Rentnerdemonstranten und deren arme Enkel demonstrieren woche für woche im Terminal 1 des Flughafens. 5 Mio. Menschen im Rhein Maim Gebiet wollen fliegen und kommen irgendwie auch mit den Belastungen durch den Lärm (Auto, Flugzeug, LKWs, Bahn, etc.) im Ballungsgebiet klar. Nur die paar Unerbittlichen nicht. Diese müssen hier aber nicht wohnen. Ich würde wegziehen. Etwas ausserhalb von Frankfurt ist wohnen und Eigentum auch viel preiswerter. Sorry ´, ich lebe im Vordertaunus unter der Tabum Ablugroute. Mir geht es gut dabei. Die Deutschen, auch die in Frankfurt, sind noch nie so alt geworden wie heute und werden immer älter. Das noch zur angeblichen Gesundheitsgefährdung. Früher waren die Fllieger zwei bis dreimal lauter als heute und trotzdem wedren wir immer älter :-)). So, ich habe fertig.

  • Die Beantwortung Ihrer Frage ändert doch nichts an meinen Ausführungen, die mit dem Wohnort kaum etwas zu tun haben.

    Noch einmal für die Nichtlesenden:

    Es gab wesentlich mehr Nachtflüge vor Inbetriebnahme der neuen Bahn. (Und auf der neuen Bahn wird schon nach 22.00 Uhr nicht mehr gelandet; Starts gibt es ohnehin keine.)

    Es geht nicht um Shrimps, nicht um Schrauben und auch nicht um Aspirin.

  • Das Dilemma ist ja, das man Bürger schon im Vorfeld belügen muss, sonst würde sich zeit Jahrzehnten nichts mehr entwickeln.

  • So typisch für einen Befürworter!!! Wie wäre es denn, wenn Sie einmal dazu schreiben wo Sie wohnen, oder würden Sie sich damit als unqualifiziert disqualifizieren?

  • @DEUFRA2011

    Ihr Kommentar ist sooooo typisch für die Flughafengegner; "besser" geht es eigentlich nicht.

    Zum Einen geht es ja nicht - das steht sehr deutlich im Artikel - nicht um Schrauben oder Shrimps, es geht um Passagiere. Zum Anderen haben 99% der Ausnahmeflüge zwischen 23.00 und 24.00 Uhr, die meisten kurz nach 23.00 Uhr, stattgefunden.

    Und was bei allem Gemaule vergessen wird: Vor der Inbetriebnahme der vierten Bahn gab es jede Menge Nachtflüge, jede Menge auch über den gesamten Zeitraum von 23.00 Uhr bis 05.00 Uhr. Eine Verbesserung gegenüber dem alten Stand ist der neue, auch mit den Ausnahmen, alle Mal.

    Und das mit dem Aspirin ist nur ein weiterer Ausdruck der unkontrollierten Emotionalität der Flughafengegner. Keiner Antwort wert.

  • Jahrelang wurden die Bürger belogen und betrogen. Nachdem jetzt endlich einmal geklärt wurde was Recht ist sind jetzt eben einmal die anderen dran sich aufzuregen. Willkommen im Club!!! Jahrelang habt ihr nicht verstanden was ihr den Menschen antut, warum sollten wir euch jetzt verstehen, zumal es bei uns so laut ist...!!!

  • 207 Starts und Landungen zwischen 23 und 5 Uhr, das sieht ja nicht so schlimm aus, oder?. Dabei gibt es aber Nächte mit über 50 Starts und Landungen. Alles "Ausnahmen". Es genügen 2 oder 3 laute Flugzeuge in der Nacht über ihrem Haus und dann können sie eigentlich das Schlafen für diese Nacht vergessen. Sie haben nämlich dann die verängstigten Kinder bei sich im Bett!
    Mir ist lieber 100 Urlauber gehen noch mal ins Hotel und der Pilot ist etwas verärgert anstatt 10000 Menschen die den nächsten Tag schlaftrunken auf die Arbeit und in die Schule gehen. Die Packung Schrimps kann auch 12 Stunden später landen und die 10 Schrauben für Volkswagen in Shanghai kann man auch anders organisieren.
    So ist das eben wenn man 20 Flüge in die letzten 5 Minuten packt. Das geht dann auch mal etwas schief.
    3 Aspirinpäckchen im Frachtraum und das ist dann schon ein dringender Arzneimittelhilfsflug. Wir trauen den Leuten vom Ministerium, der FRAPORT und der Lufthansa nicht mehr über den Weg. Wir sind schon zu oft belogen und betrogen worden. Die sind ja jetzt "betroffen" und haben es sich auch nícht so schlimm vorgestellt. Ein größeres Zeugnis ihrer eigenen Unfähigkeit oder Unverfrorenheit können sich diese hochdotierten Luschen doch gar nicht ausstellen. Die haben das alles gewußt und trotzdem gebaut. Sie wohnen ja alle woanders. ALLE, auch die liebe Frau Roth!

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