Neuseelands Farmen vor Ausverkauf
Chinesen auf der Jagd nach dem weißen Gold

„Die Chinesen wollen die Kontrolle“

Obwohl Lees Firma in den letzten Jahren für insgesamt etwa 500 Millionen neuseeländische Dollar (298 Millionen Euro) 17 Farmen und Farmbetriebe übernommen hat, viele davon heruntergekommen, kämpft sie gegen Angriffe und Beschuldigungen von Kritikern – unter ihnen potenzielle Konkurrenten, Politiker und Maori-Ureinwohner. Paul O’Hagan war skeptisch, was die Übernahme von Agrarbetrieben durch einen ausländischen Investor angeht. Seitdem die Farm des Managers durch Pengxin gekauft wurde, habe er seine Meinung ändern müssen.

„Sie geben mir Autonomie“, sagt er von seinen neuen Chefs in Schanghai. Pengxin hat mehr als 20 Millionen neuseeländische Dollar (11,9 Millionen Euro) in den Ausbau der Betriebe investiert und dutzende neuer Arbeitsplätze geschaffen. Doch als das Unternehmen weitere Millionen in den Kauf einer Rinder- und Schaffarm pumpen wollte, winkte Finanzministerin Paula Bennett ab. „Die Vorzüge für Neuseeland sind nicht substanziell und nicht identifizierbar“, so ihre Begründung.

Kerry Simpson hat gemischte Gefühle, wenn es um die Übernahme von Farmen durch Ausländer geht. „Ich sorge mich schon etwas über die Traditionen“, meint er. „Es sollte nicht zu leicht sein für die Chinesen, einfach ins Land zu marschieren“. Aber er sehe, dass schließlich auch seine Familie „erst vor vier Generationen hier angekommen ist“. Ein hochrangiger Diplomat in Wellington, der anonym bleiben will, hat eine härtere Position. Der Durst nach Milch sei Teil eines größeren Plans, sagte er dem Handelsblatt: „Es ist ganz klar: die Chinesen sind daran, immer größere Teile der Wirtschaft aufzukaufen. Das sehen wir im Südpazifik, in Neuseeland und in Australien. Sie wollen die Kontrolle.“

Der Tritt in den Kuhfladen war nicht zu vermeiden. Auf dieser Wiese weiden 200 Kühe. Doch Simpsons Lachen dauert nur so lange, bis der für ihn lustige Ausrutscher des Besuchers in ein ernstes Thema umschlägt. Was hält er vom Vorwurf, die Milchindustrie gefährde das „saubere, grüne“ Image Neuseelands, das wichtigste Kapital des Tourismus, dieser anderen großen Industrie?

Die Fakten sind ein Schock: der Zufluss von Urin und Kot der Tiere in Bäche und Flüsse, von Dünger und anderen Chemikalien, ist eine Umweltkatastrophe. Viele Gewässer sind inzwischen so giftig, dass Baden wegen Gesundheitsgefährdung verboten wurde. Die Milchindustrie ist laut Experten mit ein Grund, weshalb 80 Prozent aller einheimischen Vögel, 88 Prozent aller Reptilien und 100 Prozent aller neuseeländischen Froscharten vom Aussterben bedroht sind.

Auf 80 Prozent aller Farmen ist der Boden auf den Weiden von den Hufen tausender von Kühen derart plattgetrampelt, dass kaum noch Gras wachsen kann. Das erfordert den Einsatz von immer mehr und immer stärkerem Dünger. Unter dem Strich, so klagen Umweltexperten, seien neuseeländische Milchfarmen intensiv betriebene Tierfabriken.

Simpson reagiert ausweichend auf solche Fakten. Die Milchindustrie tue ihr Bestes, um die Situation zu verbessern. Mehrere Programme hätten zum Ziel, den Abfluss von Abwässern zu regulieren. „Ich habe selbst viel Geld investiert“, sagt er. Zurücklehnen kann er sich aber nicht: Fäkalien sind nur das kleinere der zwei großen Umweltprobleme, die direkt auf die Landwirtschaft zurückzuführen sind.

Die Gase, die über sechs Millionen Kühe und Millionen von Schafen bei der Verdauung in die Atmosphäre abgeben, sind mit dafür verantwortlich, dass das „grüne und saubere“ Land am Ende der Welt auch eine der besorgniserregendsten Klimastatistiken der Welt hat. Zwischen 1990 und 2013 sind in Neuseeland die CO2-Emissionen um spektakuläre 49 Prozent angestiegen.

Urs Wälterlin
Urs Wälterlin
Handelsblatt / Korrespondent
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