Neustart für American Apparel
Antrag auf Gläubigerschutz gestellt

Die Modekette American Apparel steht unter Gläubigerschutz. In wenigen Monaten sollen die Sanierung geschafft und der lästige Gründer entsorgt sein. Es ist das Ende einer langen Schlammschlacht. Aber auch ein Neuanfang?

Los AngelesEs war nur noch eine Frage der Zeit: Seit 2009 hatte die einst legendäre Modemarke keinen Gewinn mehr eingefahren. Das Geld wurde immer knapper, ein letztes verzweifeltes Sanierungsprogramm im August war gescheitert. Jetzt folgt der Antrag auf Gläubigerschutz unter dem „Chapter 11“ des US-Insolvenzrechts. Freiwillig, wie es in einer Mitteilung des Unternehmens heißt.

Eine Vereinbarung mit 95 Prozent der Gläubiger werde die Schuldenlast von 300 Millionen Dollar auf „nicht mehr“ als 135 Millionen Dollar reduzieren. Dafür werden Schulden in Unternehmensanteile umgewandelt. Gleichzeitig gewähren die Gläubiger 90 Millionen Dollar Übergangsfinanzierung, um den laufenden Betrieb zu gewährleisten. Vorstandschefin Paula Schneider: „Mit den neuen Finanzmitteln werden wir in der Lage sein, uns wieder auf das Geschäft und Marketing zu konzentrieren, neue Shops zu eröffnen und den E-Commerce auszubauen.“

Der größte Verlierer der Reorganisation wird der umstrittene Firmengründer und frühere CEO Dov Charney sein. Zusammen mit anderen Aktionären wird sein Aktienpaket ausradiert werden, wenn der Konkursrichter dem Sanierungsplan zustimmt. Charney hatte zuletzt noch rund fünf Prozent der Aktien. „Wenn der Sanierungsplan vom Gericht bestätigt wird“, so das Unternehmen in einer Pflichtmitteilung, „werden die existierenden Aktien ausgelöscht. Die Aktionäre bekommen gemäß geltender Rechtslage keine Entschädigung.“

Charney ist jedoch bekannt dafür, niemals klein beizugeben. Der Ende 2014 gefeuerte Gründer und CEO hat sein früheres Unternehmen mit einer Reihe von Rechtstreitigkeiten überzogen und wirft Vorstand, Aufsichtsrat und Gläubigern falsche Informationen, Wertpapierbetrug, Verleumdung und andere Straftaten vor.

Hat er eine Chance den Prozess aufzuhalten? Wohl kaum. „Es ist auch nach US-Recht gar kein Thema, dass alte Aktionäre rausgeworfen werden können“, so Rechtsanwältin Dr. Annerose Tashiro von Schultze & Braun in Köln im Gespräch mit Handelsblatt Online. Die Altaktionäre werden, so das übliche Verfahren, in eine Gläubigergruppe eingewiesen und bekommen in der Regel einen Prozentsatz von null zugewiesen.

Können die zahlreichen anhängigen Klagen den Untergang Charneys noch verhindern? Nein, so Anwältin Tashiro. „Das Insolvenzverfahren friert diese Verfahren ein. Eventuelle Schadenersatzforderungen gegen das Unternehmen würden in unbesicherte Forderungen umgewandelt.“

Wohl niemals war ein CEO in den USA so umstritten wie der heute 46-Jährige, der 1998 American Apparel gründete und zu einer Weltmarke aufbaute. Mit seinen sexuellen Vorlieben hielt er nie hinter dem Berg. Warum soll man nicht auch mal zur Entspannung nach einem harten Arbeitstag seinen Spaß mit einer weiblichen Angestellten haben, während man gleichzeitig einer weiblichen Journalistin ein Interview gibt? Die bizarre Szene berichtete die Journalisten Claudine Ko 2004 in einer Story für das Magazin Jane.

Business-Meetings in Unterwäsche

Charney hielt den Gerüchten nach auch mal Business-Meetings in Unterwäsche ab. In einem Interview mit marketplace.com räumt er ironisch ein, dass er ein Problem habe – und eines sei: „Sperrt mich ein“, gab er zum Besten. „Es ist doch offensichtlich. Ich bin mein größtes Problem. Aber was kann ich machen? Ich bin so geboren.“

Während viele Vorkommnisse einen bizarren Macho zeigen, der seine Triebe kaum unter Kontrolle hat, war American Apparel unter seiner Führung auf der anderen Seite lange ein Vorzeige-Unternehmen. Die Angestellten bekamen mehr als den Mindestlohn und Krankenversicherung, sehr unüblich in der Branche in den USA. Die Mode wird in den USA, in Downtown Los Angeles, und nicht in Billiglohnländern in Asien geschneidert. Das ist noch ungewöhnlicher.

Diese Art von ethischer Produktion und sein Eintreten für die Rechte von Immigranten brachte „AA“ große Sympathien bei einer jungen, urbanen Kundschaft ein, und das Aufsichtsgremium stellte sich mehr als einmal mit zusammengebissenen Zähnen hinter Charney.

Denn das für seine mehr als erotisch angehauchte Unterwäsche-Werbung bekannte Unternehmen, die teilweise wegen gefährlicher Nähe zur Softpornografie verboten wurde, wuchs trotz seines umstrittenen Chefs zu einer signifikanten Kraft im Markt und galt einmal als der schärfste Herausforderer für H&M oder GAP. Ende 2006 folgte ein Börsengang, um mit dem frischen Geld ganz an die Spitze vorzustoßen.

Das geplante weltweite Wachstum geriet jedoch schnell ins Stocken. Wie ein Hammer traf die Börse 2010 die erste Warnung vor einem möglichen Bankrott, weil die Liquidität nicht ausreichen könnte. Seitdem befand sich AA auf der Intensivstation und versuchte wieder den Anschluss zu finden. Ketten wie Forever21, Old Navy oder Zara bestimmen aber heute, was in der Branche gespielt wird. AA ist nicht alleine. Erfolgreiche Marken wie Abercrombie & Fitch oder Aeropostale kämpfen ebenfalls mit sinkenden Umsätzen und Gewinnen.

Von 2009 bis 2014 hat American Apparel rund 300 Millionen Dollar verloren. Alleine im zweiten Quartal 2015 kamen weitere 19,4 Millionen Dollar netto dazu. Ein Zeichen, dass es alleine mit der Restrukturierung nicht getan sein wird.

Aber sie könnte wirklich der erste wichtige Schritt sein: „Es scheint so zu sein, dass die fünf größten Gläubiger sich im Vorfeld abgesprochen haben. Dadurch wird ein schnelles Verfahren möglich. Damit bekommt das Unternehmen in dem harten und schnelllebigen Modemarkt eine Chance noch einmal anzufangen“, so Insolvenzexpertin Tashiro. Üblicherweise müsse bei solchen Verfahren mit manchmal tausenden Gläubigern verhandelt werden. Das sei diesmal nicht der Fall, sondern die fünf Hauptgläubiger hätten den Markt bereinigt und sich zügig abgesprochen, ohne miteinander zu kämpfen.

Endlich scheinen für American Apparel die zermürbenden Jahre der Dauerstreitereien vorbei.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
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