Online-Handel Wenn der Postbote ständig klingelt

Auch wenn die Amerikaner am vergangenen „Black Friday“ wieder exzessiv geshoppt haben, macht Handelsblatt-Autor Joachim Hofer eine Trendwende aus. Er ist überzeugt, dass der Online-Handel unser Leben radikal verändert.
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Wird der Shopping-Wahnsinn in den Kaufhäusern bald ein Ende haben? Quelle: dapd

Wird der Shopping-Wahnsinn in den Kaufhäusern bald ein Ende haben?

(Foto: dapd)

MünchenSie kamen, und sie bummelten, doch gekauft haben sie nichts. Wie jedes Jahr haben die Amerikaner am vergangenen Freitag die Shopping-Malls gestürmt. Es war der berüchtigte „Black Friday“, also jener freie Tag nach Thanksgiving, an dem die Massen traditionell ihr Gehalt verpulvern und die Händler in die schwarzen Zahlen kommen.

Doch etwas war anders dieses Jahr: Viele Menschen haben sich in den Läden beraten lassen, haben die Preise notiert und bei Starbucks einen Kaffee getrunken. Ihr neues Handy, den modischen Rollkragenpullover oder die wärmenden Handschuhe hingegen haben die Leute anschließend im Internet bestellt.

So zählten die amerikanischen Warenhäuser am Freitag zwar mehr Kunden als im Vorjahr, der Umsatz aber ging leicht zurück. Gleichzeitig schnellten die Erlöse der Internetanbieter um fast ein Fünftel in die Höhe. Mehr als jeder zehnte Dollar im Handel fließt in den Vereinigten Staaten inzwischen in die Kassen von Online-Stores.

So wie in Amerika verhalten sich die Konsumenten weltweit: Sie ordern immer mehr Ware im Netz. Das hat weitreichende Folgen, die über die Umsatzeinbußen der unmittelbar betroffenen stationären Händler weit hinausreichen und in den nächsten Jahren unser ganzes Leben verändern werden.

Ein Blick in die deutschen Innenstädte zeigt heute schon, was künftig in noch viel größerem Ausmaß kommen wird. Bestimmte Läden wird es zumindest in den teuren Lagen bald nicht mehr geben. Buchhandlungen und Spielwaren-geschäfte sind an den Top-Standorten bereits jetzt kaum noch zu finden. Auch Elektronik-Shops machen sich rar.

Der Grund dafür: Diese Warengruppen kaufen die Menschen inzwischen besonders gern online vom heimischen Sofa aus. Doch der Internethandel schreitet rasend schnell voran, und so ordern immer mehr Leute selbst Kleider oder Schuhe im Netz, Produktkategorien also, die vor fünf Jahren noch als nahezu unverkäuflich im Internet galten.

Traditionelle Händler unter Druck

Damit kommen immer mehr traditionelle Händler unter Druck, denn in aller Regel können die Onlineversender deutlich günstiger anbieten als ihre stationäre Konkurrenz. Sie haben geringere Ausgaben für Miete und brauchen weniger Personal. Zudem sind sie rund um die Uhr geöffnet.

Noch etwas hat sich grundlegend verändert: Auf einmal müssen sich selbst alteingesessene Händler in München, Hamburg oder Berlin dem Wettbewerb mit Konkurrenten auf der ganzen Welt stellen. Das zeigt das Beispiel Amazon: Das amerikanische Internetkaufhaus hatte gestern den „Cyber Monday“ ausgerufen, das Pendant des "Black Friday" in der virtuellen Welt.

Immer am Montag nach Thanksgiving geben Onlineanbieter aus Amerika massive Rabatte, um die Kunden zu locken. Natürlich setzte Amazon die Kampagne auch auf seiner deutschen Homepage um und strich die Preise für ausgewählte Güter zum Teil um deutlich mehr als die Hälfte zusammen.

Obwohl es in Deutschland weder Thanksgiving noch den „Black Friday“ und schon gar nicht den „Cyber Monday“ gibt, stehen die Händler hierzulande unter Druck und müssen eigene attraktive Angebote machen, sei es nun in den Geschäften oder im Internet. Sonst laufen ihnen die Kunden weg.

Postbote wird zum Möbelpacker

Der Online-Boom hat freilich noch ganz andere Folgen, und die lassen sich auf dem Asphalt beobachten. Insbesondere vor Weihnachten verstopfen Tausende Kleinlaster von DHL, UPS oder Hermes unsere Straßen und Gehwege, damit die vielen Millionen Pakete der Online-Shops zu den Bestellern kommen. Nicht selten müssen die Zusteller mehrere Male anrücken, bis sie jemanden zu Hause antreffen. Das ist nicht nur für die Umwelt schädlich, es sorgt auch für zusätzlichen Verkehr.

Die Schattenseiten des Online-Handels

Damit nicht genug der Schattenseiten des Onlinehandels. Weil die im Netz bestellten Shirts, Hosen oder Stiefel oft nicht passen oder den Kunden nicht gefallen, werden sie en masse umgetauscht. Wer das nicht glaubt, sollte sich einmal in die Schlange auf dem Postamt stellen. Zu jeder Tageszeit ist dort jemand mit einem Karton mit Zalando-Aufdruck in der Hand anzutreffen. Das Berliner Start-up für Bekleidung und Schuhe wächst rasant, bekommt aber offenbar einen Großteil seiner Ware zurück. Das ist kein Wunder, hat das junge Unternehmen doch lange mit dem Spruch geworben: „Schrei vor Glück oder schick's zurück.“

Dass das Konzept von Zalando langfristig aufgeht, ist zweifelhaft. Sicher ist hingegen, dass der Online-Handel weiter stark wachsen wird. Das liegt schon allein daran, dass es immer mehr digitale Waren zu kaufen gibt. Statt sich Bücher aus Papier zuzulegen, besorgen sich die Konsumenten elektronische Schmöker, die sogenannten E-Books. Die DVDs werden darüber hinaus zunehmend durch Videoabrufportale wie Maxdome oder Lovefilm ersetzt. Auch die Lieblingssongs kommen mehr und mehr aus dem Internet. Wer braucht schon noch eine CD, wenn es bei Musikdiensten wie Spotify Millionen von Titeln gibt? Und statt sich ein Brettspiel zu Weihnachten zu wünschen, wollen schon viele Grundschüler heutzutage lieber eine Spiele-App fürs Smartphone oder iPad.

Setzt sich der Trend so fort, dürfte in ein paar Jahren viel Platz unterm Christbaum sein. Ein E-Book braucht schließlich keine Verpackung.

 
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1 Kommentar zu "Online-Handel: Wenn der Postbote ständig klingelt"

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  • Wenn's doch wenigstens per Post oder DHL versendet würde, dann hätte man ja noch Verständnis für das geänderte Shoppingverhalten, hier wird wenigsten Mindestlohn gezahlt. Aber die zahllosen Paketdienste mit ihren prekären Arbeitsverhältnissen die diese moderne Sklaverei fördern, können sogar mit dem Slogan »Versandkosten frei« werben, warum wohl?

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