Optimismus auf Tourismus-Messe
Reise-Riesen gehen online

Immer mehr Verbraucher kehren dem guten alten Reisebüro den Rücken und stellen sich ihren Urlaub im Internet selbst zusammen. Wer noch am Durchbruch des Online-Kanals gezweifelt hatte, ist spätestens im Vorjahr eines Besseren belehrt worden.

FRANKFURT. Die Zahl der via Internet verkauften Reisen kletterte 2005 europaweit um fast 50 Prozent und erreichte dabei ein Volumen von 28,6 Mrd. Euro. Der Wert übertrifft den Jahresumsatz von Europas führenden Reisekonzernen Tui (ca. 14 Mrd. Euro) und Thomas Cook (7,7 Mrd. Euro) inzwischen deutlich. Einer Studie der Unternehmensberatung Phocus Wright zufolge soll der Online-Reisemarkt diesen fulminanten Wachstumskurs fortschreiben und im laufenden Jahr über die 40-Milliarden-Euro-Marke springen.

„Der Wechsel vom Offline- zum Online-Kanal findet statt, auch wenn man heute nicht mehr so viel darüber liest wie in den Anfangsjahren“, sagt Markus Orth, Vertriebschef des Last-Minute-Spezialisten L’Tur. Als Wachstumstreiber führen Experten die Ausbreitung schneller Internetzugänge sowie insbesondere den anhaltenden Boom der Billigflieger an. Die Buchung einer ersten Flugreise im Internet, die es bei Ryanair & Co. schon für eine Hand voll Euro gibt, wird dabei als „Einstiegsdroge“ in die Welt der Online-Reise gesehen. Zwar gibt es speziell in Deutschland noch immer Vorbehalte, Kreditkartennummern im Internet preiszugeben. „Die Gewöhnung an das Medium schreitet aber rasch voran, auch über andere Bereiche wie Online-Banking“, sagte Claudia Brözel vom Verband Internet-Reisevertrieb (VIR). Deren Verbandsmitglieder Expedia und Opodo führten 2005 die von Nielsen Netratings veröffentlichte Rangliste der deutschen Online-Reiseseiten an – deutlich vor dem Last-Minute-Spezialisten L’Tur und dem Tui-Konzern.

Entsprechend nervös sind die Reise-Riesen: Deren gewachsene Organisationsstrukturen, die noch weitgehend auf klassische Pauschalreisepakete abgestimmt sind, können nur sehr schwer in die neue Online-Welt transferiert werden. Tui-Konzernchef Michael Frenzel geht davon aus, dass im Internet zusammengestellte Reisen in fünf Jahren ein Drittel des gesamten Marktvolumens ausmachen werden. In benachbarten Ländern wie den Niederlanden liegt der online gebuchte Anteil bereits heute höher: „So heterogen sind die europäischen Märkte nicht, als dass die Welle nicht auch hier ankommen wird“, sagt der Wormser Touristikprofessor Roland Conrady.

Zwar habe der stationäre Vertrieb über Reisebüros „immer noch elementare Bedeutung“, wie Frenzel betont. Doch bei Tui in Hannover wie auch am Thomas-Cook-Stammsitz Oberursel werden fieberhaft neue Strategien geprüft, um nicht als Verlierer des Wandels dazustehen. Frenzel will mit einer Marketingkampagne angreifen, um das Internetportal „Tui.com“ bei Verbrauchern stärker zu verankern. Der Aufsichtsrat des Rivalen Thomas Cook (u.a. Neckermann, Condor) hat sogar einen ausgewiesenen „Onliner“ zum neuen Vorstandschef berufen, um die Firma stärker Richtung E-Commerce auszurichten. Der frühere T-Online-Chef Thomas Holtrop hat zu Wochenbeginn den „schrittweisen Abschied vom Modell des integrierten Tourismuskonzerns“ ausgerufen und dabei eigene Fluggesellschaften und Hotelkapazitäten auf die Verkaufsliste gesetzt.

Allerdings hat das Online-Wachstum auch Erwartungen geweckt, die an den Internet-Hype des Jahres 2000 erinnern und von einigen der neuen Hauptdarsteller kaum eingelöst werden können. So verloren Expedia-Aktien seit Mitte Februar fast 30 Prozent an Wert, weil die US-Firma im jüngsten Quartalsbericht einen deutlichen Gewinnrückgang auf 25,2 Mill. Dollar einräumen musste. Auch der Umsatz lag mit einem Plus von 13 Prozent auf 495 Mill. Dollar deutlich unter den Erwartungen der Analysten. Dies seien Wachstumsraten und Margen, die keinen Börsenwert von rund sechs Mrd. Euro oder eine Bewertung mit dem dreifachen Umsatz erlauben würden, hieß es einhellig in Finanzkreisen. Zum Vergleich: Die deutlich größere Tui ist mit ihren zwei Säulen Touristik und Containerschifffahrt an der Börse kaum mehr als vier Mrd. Euro wert.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%