Oscar-Verleihung
Glamouröser Niedergang

Die Oscar-Verleihung findet in einem schwierigen Umfeld statt: Die Kinos stecken weltweit in der Kirse, immer weniger Zuschauer interessieren sich für Hollywoodfilme. Erstmals stellen sich nicht nur Sponsoren und Marketing-Direktoren in diesem Jahr ernsthaft die Frage, ob der gute alte Oscar an Wichtigkeit in einem weltweit degenerierenden Markt verliert.

LOS ANGELES. „Und der Oscar für den besten Film geht an“ – einen von fünf Streifen, den das breite Publikum bisher kaum gesehen hat. Das Rennen um die begehrteste Trophäe in der Welt des Entertainments hat in diesem Jahr wahrlich ungewöhnliche Wege eingeschlagen. Nicht die typischen Blockbuster wie etwa King Kong, Star Wars Episode III oder Harry Potter sind die großen Abräumer, nein, es sind die eher leisen, die kleinen Arthaus-Filme wie „Brokeback Mountain“, „Capote“, „Crash“, „Good Night and Good Luck“ und „Munich“, die am Sonntagabend im Kodak-Theater in Los Angeles die Aufmerksamkeit der Welt auf sich lenken werden.

Die Aufmerksamkeit der Welt? Erstmals stellen sich nicht nur Sponsoren und Marketing-Direktoren in diesem Jahr ernsthaft die Frage, ob der gute alte Oscar an Wichtigkeit in einem weltweit degenerierenden Kinomarkt verliert. „Diese Oscars repräsentieren einen Trend, der sich schon geraume Zeit abzeichnet. Das Kino verliert seine Zuschauer“, sagt Entertainment-Analyst Dennis McAlpine. Und tatsächlich. Die 5 798 wählenden Mitglieder der Academy of Motion Picture, Arts and Sciences sind diesmal nicht dem blinkenden Dollarzeichen der umsatzstärksten und starbesetzten Streifen gefolgt. Finanziell waren die fünf nominierten Oscar-Filme nach Hollywood-Standard bisher ohnehin ein Reinfall. Die Namen der Hauptdarsteller kennt kaum jemand. An der Kinokasse spielten die fünf Streifen zusammen gerade mal 190 Millionen Dollar ein.

Einen wirtschaftlichen Vorteil verspricht sich Filmproduzent Jim Stern von der Auswahl der nominierten Filme dann aber doch. „Es ist ganz hervorragend für den anstehenden DVD-Handel, das vor allem kleine Filme durch die Oscars einen PR-Push bekommen“, glaubt Stern. Und Michael Barker, Co-Präsident von Sony Classics, ist überzeugt, dass Filme wie „Titanic“ oder „Herr der Ringe“ die Latte für kommerziellen Erfolg ohnehin viel zu hoch angesiedelt haben. „Die Filme, die in diesem Jahr nominiert sind, reflektieren einen gesünderen Markt.“

Die Zahlen drücken etwas anderes aus. Hollywood versucht sich derzeit von einem Negativ-Trend an der Kinokasse (minus 6,2 Prozent zum Vorjahr) zu erholen, und auch im viel gelobten Video- und DVD-Markt gab es 2005 erstmals ein Umsatzminus von einem Prozent auf 24 Milliarden Dollar. Selbst die Übertragung der Oscar-Nacht verliert in den USA jedes Jahr mehr Zuseher. Seit 2000 schauen rund zehn Prozent weniger Menschen zu. Dennoch zahlt sich der Oscar nach Berechnungen von Randy Nelson, Professor für Betriebswirtschaft am Colby College in Maine immer noch in barer Münze aus. Nelson fand in einer Studie heraus, dass die Nominierung in der Kategorie „Bester Film“ im Durchschnitt zusätzliche 5,5 Millionen Dollar Umsatz an der Kinokasse pro Woche bringt. Noch mehr Geld fließt in die Kassen der Studios, wenn der nominierte Film dann auch tatsächlich gewinnt. „Das bringt weitere 14,7 Millionen Dollar an Umsatz in der Woche“, so Nelson. Das Branchenblatt Variety schätzt sogar, dass die Summe höher liegt. Das Magazin meldet, dass ein Oscar-Film zusätzliche 28 Millionen Dollar Umsatz einfährt.

Und dennoch, auch im ewig positiven Showgeschäft bleibt der bittere Nachgeschmack, dass der Oscar längst nicht mehr nur goldene Zeiten bringt. Klares Indiz dafür, dass das alte Rezept von seichter Romantik, Action und ein bisschen Popcorn nicht mehr funktioniert, ist der diesjährige Paradigmen-Wechsel. Doch kann Hollywood mit Politik, Gesellschaftskritik und provozierenden Themen einen Weg aus der Krise finden? „Ich glaube das nicht“, sagt George Clooney, der mit gleich drei Nominierungen in diesem Jahr ins Rennen geht. „Die Filmbranche ist ihrer Zeit nicht voraus, sondern reflektiert die Gesellschaft.“ Und Jeffrey Caine, der für das Skript zu „Der ewige Gärtner“ als Favorit ins Rennen geht, fügt hinzu: „Die Nominierungen zeigen doch sehr deutlich, wie unsicher sich die USA seit der Invasion im Irak mit ihrer Positionierung in der Welt fühlen.“

Nicht ganz so dramatisch, aber dennoch ebenso eindeutig sieht es Vance van Petten, Exekutiv-Direktor der Producers Guild of America: „Hollywood ist zu seiner Position als kultureller Vermittler zurückgekehrt“, sagte er der Los Angeles Times. „Jedem, der sich Brokeback Mountain oder Crash anschaut, werden die Augen geöffnet, in was für einer Gesellschaft wir heute leben“, fährt der Produzent fort. Ob es nun also um die Liebesgeschichte von zwei schwulen Cowboys (Brokeback Mountain), einen schwulen Schriftsteller (Capote), die rassistischen Unruhen im Amerika der Gegenwart (Crash) oder die Hexenjagd von politisch Andersdenkenden (Good Night and Good Luck) geht, Hollywood möchte, dass die Welt hinschaut und weiß, „Amerika ist mehr als nur ein Land von Fahnen schwingenden Patrioten, die blindlings einer Politik folgen, deren Sinn kaum noch einer versteht“, so der ausgesprochene Bush-Gegner George Clooney. Doch alles hängt vom kommerziellen Erfolg ab. „Wenn die Zuschauer für diese Art von Filmen wegbleiben, wird Hollywood der Mut schnell verlassen“, analysiert das Fachmagazin „Entertainment Weekly“.

Wie der Kampf um die Quoten und Dollarnoten am Schluss auch ausgehen mag – freuen dürfen sich die Oscar-Fans schon jetzt auf einen ganz besonderen Ehrengast bei den diesjährigen Academy Awards. „Vize-Präsident Dick Cheney hatte eigentlich mich zur Jagd eingeladen“, witzelte Clooney unlängst bei einem Oscar-Lunch. Der US-Vizepräsident hatte bekanntlich seinen guten Freund, den Rechtsanwalt Harry Wittington, aus Versehen angeschossen und war durch die anfängliche Geheimniskrämerei in dieser Sache in arge Kritik geraten. „Da ich aber in letzter Minute absagen musste“, so Clooney weiter, „möchte ich jetzt Dick als mein Oscar-Date mitnehmen.“ Für eine aufgeheizte Stimmung ist also gesorgt.

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