Pflegebranche
Betreuung nur noch in Einzelzimmern

Neue Gesetze der Länder zwingen Betreiber von Seniorenheimen zu hohen Investitionen. So sollen in einigen Jahren beispielsweise alle Plätze in Pflegeeinrichtungen in Einzelzimmern angeboten werden. Experten erwarten eine Marktbereinigung.
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FRANKFURT. Die Pflegebranche gilt wegen der Alterung der Gesellschaft als krisenfester Wachstumsmarkt, doch ein Selbstläufer ist das mehr als 19 Mrd. Euro schwere Geschäft mit Seniorenheimen nicht. Bei vielen der mehr als 11 000 Anbietern sinkt die Auslastungsquote, weil das Angebot mancherorts stärker gestiegen ist als die Nachfrage. Neue Herausforderungen bringen die Landespflegeheimgesetze, die künftig mehr Einzelzimmer fordern.

Bundesländer wie Baden-Württemberg oder Nordrhein-Westfalen zum Beispiel fordern, dass in ein paar Jahren 100 beziehungsweise 80 Prozent aller Heimplätze in Einzelzimmern sein sollen. Bayern plant eine Quote von 85 Prozent.

Das ist aus Sicht der meisten Menschen, die in Pflegeeinrichtungen betreut werden, natürlich wünschenswert. Auf die Heimbetreiber kommen allerdings hohe Investitionen zu. Der Bundesverband privater Anbieter Sozialer Dienste (BPA) rechnet damit, dass die Plätze in vielen Heimen künftig teurer werden.

In Baden-Württemberg beispielsweise sind aktuell nur 54 Prozent der 90 000 Heimplätze in Einzelzimmern. Würde man die übrigen Doppelzimmer in Einzelzimmer umfunktionieren, gingen 20 400 Pflegeheimplätze verloren. Um diesen Platzverlust wieder auszugleichen, müssten in Baden-Württemberg 1,16 Mrd. Euro investiert werden, hat das Architektenbüro Feddersen und Lüdtke im Auftrag des BPA errechnet.

Der Landesverband des BPA in Baden-Württemberg sieht durch die 100-Prozent-Verordnung, die ab 2019 gelten soll, viele bestehende Einrichtungen in ihrer Existenz bedroht: Etwa weil die Umbaumaßnahmen baulich schlicht nicht umsetzbar seien und auch die Refinanzierung durch die Bewohner nicht sichergestellt sei.

Viele Heimbetreiber haben Pachtverträge über 20 bis 30 Jahre geschlossen. Ändert sich durch die Heimbauverordnung die Einnahmesituation, etwa weil die Doppelzimmer nur noch einfach belegt werden dürfen, können die Pachtverträge nicht mehr erfüllt werden.

"Die Landesheimgesetze werden die Marktbereinigung forcieren", erwartet Sebastian Krolop von der Beratungsgesellschaft Admed. Schon jetzt sind 13 Prozent der Pflegeheime laut Pflegeheim-Rating-Report vom RWI Essen und Admed Insolvenz gefährdet. Allerdings können Betreiber in Baden-Württemberg im Einzelfall eine längere Umstellungszeit aushandeln.

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  • Wenn man bedenkt, dass die Kosten eines Pflegeplatz locker an die eines guten Komforthotel heranreichen, dann sind sehr viel kritischere Fragen erforderlich.
    Die investoren von s.g. Sozial-immoblien verdienen sich eine goldene Nase und die Primär:Leistung "Pflege" leidet unter inakzeptablen Kostendruck. Aus eigenem Erleben kann ich berichten, das es für eine 50 Patienten Pflege-Einrichtung, alles Einzelzimmer, eine Nachtwache zur Verfügung stand. Diese Praxis ist zulässig. Der Ruf nach verbesserter Rauminfrastruktur dürfte wohl nur damit einher gehen, die Renditen für die immobilien zu Lasten der Patienten und der Sozialgemeinschaft weiter in die Höhe zu schrauben. Übrigens der Autor ist immobilien-investor.

  • Wenn man einfach mal betrachtet, wieviel ein Pflegeplatz den Gepflegten, die Angehörigen oder die Pflegeversicherung monatlich kostet, sollte man ja schon davon ausgehen, dass dafür ein Einzelzimmer drin sein muss.

    Und auch bezogen auf die Menschenwürde und die Privatsphäre: Die meisten von uns würden unter normalen Umständen nie freiwillig dauerhaft (also länger als z.b. für die Dauer eines Krankenhausaufenthalts oder eines Lehrgangs) mit einem fremden, nicht selbsterwählten Menschen rund um die Uhr ein Zimmer teilen. Es spricht aus meiner Sicht wenig dafür, warum sich das für Menschen ändern soll, nur weil diese nicht mehr selbst in der Lage sind, diesem Wunsch Ausdruck zu verleihen !

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