Pharmabranche
Der Fluch der billigen Pille

Gesetzliche Regulierung, neue Konkurrenz und eine gnadenlose Rabattschlacht: Der Preiskampf im Pharmagroßhandel fordert erste Opfer. Bei Kehr Pharma halten sie noch die Stellung. Ein Besuch.

BRAUNSCHWEIG. Unter gleichmäßigem Surren gleitet das Förderband heran, mit einem Ruck geht die Klappe auf, und vier Schachteln Medikamente fallen in eine rote Plastikkiste: Tour 601 ins 40 Kilometer entfernte niedersächsische Bröckel ist fertig zum Verpacken. Ausgesucht und eingepackt, so sieht der Alltag aus im Pharmagroßhandel Kehr in Braunschweig. Bis zu 8 000 Kisten mit 100 000 Arzneimittelpackungen laufen hier täglich über die Transportbänder. Und Kehr ist nur eine von 110 Niederlassungen des deutschen pharmazeutischen Großhandels, der täglich Millionen Produkte von rund 1 500 Arzneimittelherstellern in mehr als 21 000 öffentliche Apotheken liefert.

Hinter all dem steckt ein ausgeklügeltes System, das nun aber aus den Fugen zu geraten droht. Denn die Pharmaindustrie nimmt der Branche zunehmend das Geschäft weg, weil sie immer mehr hochpreisige Medikamente mit attraktiver Marge direkt an die Apotheken liefert. Dem Pharmahandel bleiben die billigen, margenschwachen Arzneien. "Eigentlich müsste ich jedes dritte Medikament aus dem Sortiment schmeißen", sagt Hanns-Heinrich Kehr und blickt versonnen der roten Kiste nach, die auf dem Transportband gen Ausgang fährt: "Da zahle ich schlichtweg drauf."

Stattdessen aber halten er und sein Bruder Ulrich in ihrer Pharmagroßhandlung auch weiterhin rund 80 000 verschiedene Artikel in ihrem Warenlager vor: Schließlich ist im gnadenlosen Wettbewerb des Marktes entscheidend, möglichst jedes gewünschte Medikament binnen weniger Stunden in die Apotheke liefern zu können. Just zum Apotheker-Tag, dem wichtigsten Branchentreff, der morgen beginnt, steht der deutsche Pharmahandel mit dem Rücken zur Wand - und in Braunschweig, bei Kehr, sind sie das Exempel.

Nicht nur, dass die Direktlieferungen der Industrie zunehmen. Die Großhändler selbst machen sich mit einem harten Konditionenwettbewerb gegenseitig das Leben schwer. Hinzu kommt, dass das Preisniveau der Arzneimittel durch gesetzliche Festbeträge und immer mehr Rabattverträge zwischen Krankenkassen und Herstellern gedrückt wird. Das trifft auch den Pharmahandel, weil seine Einnahmen per Arzneimittelpreisverordnung festgelegt sind und am Herstellerabgabepreis hängen.

Das Schmerzmittel Ibuprofen von Hexal beispielsweise liefert Kehr Pharma mittlerweile für ein Entgelt von sechs Cent pro Packung bis Minden oder Berlin, bis Göttingen oder Uelzen, bis Halle oder Arendsee aus. Bei Diazepam von Stada, ein Mittel gegen Angstzustände, bleiben den Brüdern gerade mal drei Cent für die Schachtel mit 20 Tabletten. So gerechnet müsste der Kurier von Kehr mindestens 150 Packungen Ibuprofen nach Bröckel bringen, damit wenigsten die Spritkosten gedeckt sind.

Die schwierige Marktsituation hat schon erste Opfer gefordert: Mitte Juli verkauften die Inhaber der 1884 gegründeten Pharmahandlung Kapferer aus Mosbach ihr Familienunternehmen an den fünftgrößten Spieler im Markt, die genossenschaftliche Noweda. Claus und Wolfgang Kapferer sahen keine Chance mehr, ihre Firma gewinnbringend zu betreiben.

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