Pharmahandel
US-Gigant attackiert deutschen Apothekenmarkt

Der weltgrößte Arzneimittelversender Medco Health Solutions steigt in den deutschen Markt ein. Der US-Pharmahändler übernimmt die Mehrheit an der niederländischen Internetapotheke Europa Apotheek Venlo, die in Nordrhein-Westfalen Medikamente vertreibt. Der Einstieg der Amerikaner könnte für tausende Apotheken das Aus bedeuten.

DÜSSELDORF. Die 21 000 deutschen Apotheken erhalten erstmals mächtige Konkurrenz aus Übersee. Der weltweit größte Arzneimittelversender Medco steigt mit der Übernahme der Internetapotheke Europa Apotheek Venlo in den deutschen Markt ein. Wie der börsennotierte US-Konzern aus New Jersey gestern überraschend mitteilte, kauft der Pharmahändler für rund 120 Millionen Dollar die Mehrheit an der Firma, die derzeit in Nordrhein-Westfalen über 90 Filialen der Drogeriekette DM Medikamente vertreibt und von den Niederlanden aus operiert.

Der Einstieg von Holland aus könnte für die Amerikaner nur der erste Schritt sein. „Wenn sich die Gelegenheit bietet, könnten wir in Zukunft auch eine eigene Apothekenkette aufbauen“, sagte Medco-Vizepräsident David Israel dem Handelsblatt. Fertige Pläne gebe es allerdings noch nicht.

Deutschlands Apothekenmarkt befindet sich im Umbruch. Versandapotheken und Discountanbieter bringen den traditionellen Apotheken zunehmend unter Druck. Mit dem Einstieg des US-Apothekengiganten erhält der Wettbewerb allerdings eine neue Qualität. „Der riesige Konzern ist mit nichts zu vergleichen, was es in Europa gibt“, warnt Thomas Bellartz von der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA). „Wir beobachten dies mit Argusaugen.“ Der US-Konzern hatte 2007 einen Umsatz von 44,5 Mrd. Dollar eingefahren, davon 17 Mrd. Dollar im Geschäft mit Versandapotheken. Handelsexperten wie der Unternehmensberater Volker Dölle rechnen schon jetzt mit dem Aus von bis zu 7 000 Apotheken.

Medcos bisheriges US-Geschäft zeigt zudem, dass der Konzern keinesfalls nur auf den Versand setzt, sondern in Kooperation mit großen Handelsketten wie Walgreen's oder CVS auch den stationären Handel professionell bedient. Die 2 400 Apotheker des Konzerns beliefern nach Angaben des Unternehmens jährlich 60 Millionen Amerikaner – und damit ein Fünftel des US-Bevölkerung.

Die Neuerwerbung Europa Apotheek konzentriert sich bislang auf den Versand. Das Unternehmen setzte zuletzt mit 150 Mitarbeitern 100 Mill. Euro um und arbeitet profitabel.

„Das Engagement von Medco ist durchaus erst zu nehmen“, sagt Branchenexperte Arnt Tobias Brodtkorb von der Beratungsfirma Sempora. Besonders kritisch könnte es für die bestehenden Apotheken aber werden, wenn zusätzlich das sogenannte Fremdbesitzverbot fällt, das derzeit Kapitalgesellschaften den Zugriff auf den Arzneimittelverkauf verwehrt oder sie – wie im Falle von Europa Apotheek Venlo – als Versender ins benachbarte Ausland drängt.

Dieses Verbot, so rechnen Experten, könnte noch im Laufe dieses Jahres der Europäische Gerichtshof kassieren. Zudem hat die EU-Kommission vor wenigen Tagen ein Vertragsverletzungsverfahren gegen die Bundesrepublik eingeleitet, weil sie deutschen Apothekern den Besitz von maximal vier Filialen gestattet. Auch dieses Mehrbesitzverbot schützt die Arzneimittelverkäufer traditionell vor allzu hartem Wettbewerb - und schirmt den Markt vor in- und ausländischen Ketten ab.

Schon jetzt stehen deshalb mehrere große Konzerne in den Startlöchern, um künftig im 36 Mrd. Euro schweren deutschen Apothekenmarkt mitzumischen. Vor wenigen Wochen erst waren Pläne von Rewe ans Licht gekommen, nach denen der Kölner Supermarktkonzern gemeinsam mit dem Schweizer Pharmadienstleister Zur Rose an einer eigenen Apothekenkette arbeitet. Inzwischen gebe es auch Verhandlungen zwischen Rewe und dem Pharmagroßhändler Avie, erfuhr das Handelsblatt.

Auch Drogeriemarktkönig Schlecker ist vor wenigen Wochen gemeinsam mit dem niederländischen Online-Versender Vitalsana ins Apothekengeschäft eingestiegen. Im Gegenzug eröffnete die Internetapotheke DocMorris jüngst ihren einhundertsten Apotheken-Franchiseladen.

DocMorris dürfte zudem das Vorbild für den aktuellen Einstieg von Medco sein. Auch bei diesem niederländischen Versandhändler war vor wenigen Monaten ein internationaler Pharmakonzern eingestiegen: Der von Haniel kontrollierte Arzneimittelgroßhändler Celesio.

„Durch den Versandhandel wird langfristig nur ein geringer Teil der Patienten erreicht werden“, erwartet Gerhard Hausruckinger von der Unternehmensberatung Accenture. „Um die breite Masse zu erreichen, ist es wichtig, mit eigenen Apotheken auf den Markt zu gehen.“ Diese Strategie erwarten die meisten Branchenexperten deshalb nun auch vom Deutschland-Einsteiger Medco.

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