Piraterie
Reeder rufen zu den Waffen

Lange wollte die zivile Schifffahrt nichts von Waffen an Bord wissen. Das ist seit den Piratenattacken vor der Küste Somalias vorbei. Die amerikanische Reederei Liberty fordert nun vom US-Kongress das Recht auf Selbstverteidigung ein. Schiffe und Crew müssten sich gegen Piraten zur Wehr setzten dürfen. Andere Reeder sollen bereits bewaffnete Sicherheitsdienste engagiert haben.

HB DÜSSELDORF. Es ist ein Albtraum von Reedern und Seeleuten gleichermaßen: Piraten kapern auf hoher See das Schiff. Und vor der Küste von Somalia wird dieser Albtraum zunehmend bittere Realität - wie jetzt etwa für das "MV Victoria". Der unter der Flagge von Antigua und Barbuda fahrende Frachter einer deutschen Reederei wurde samt seinen elf rumänischen Besatzungsmitgliedern von Piraten im Golf von Aden aufgebracht, wie die US-Marine mitteilte. Damit befinden sich bis heute 19 Schiffe mit mehr als 264 Seefahrern an Bord in Gewalt von Piraten. Für Philip Shapiro von der amerikanischen Reederei Liberty ist nun das Maß voll.

Shapiro will nicht länger hinnehmen, dass die Crew seiner Schiffe Piraten wehrlos ausgeliefert ist, sich nur mit Wasserschläuchen wehren kann - oder auf die Hilfe maritimer Streitkräfte der internationalen Gemeinschaft warten muss, die aber auf hoher See nicht immer rechtzeitig vor Ort sein kann. Deswegen setzt Shapiro auf Waffengewalt, würde die eigenen großen Schüttgutfrachter gerne mit Waffen und Munition bestücken.

"Die bislang üblichen Abwehrmaßnahmen reichen nicht mehr aus", sagte Shapiro am Dienstag vor einem Ausschuss des amerikanischen Senats. Shapiro forderte den Kongress auf, für rechtliche Rahmenbedingungen zu sorgen, damit Schifffahrtsgesellschaften entweder die Crew ihrer Schiffe selbst bewaffnen oder private Sicherheitsdienste anheuern könnten.

Und Shapiro ist nicht allein. Je mehr Schiffe vor Somalias Küste durch Piraten in Bedrängnis kommen, desto lauter wird in der Schifffahrt über den Griff zur Selbstverteidigung nachgedacht, wie etwa die Seefahrts-Gewerkschaft Nautilus der "Washington Times" bestätigte. Bislang geschieht dies oft hinter verschlossenen Türen. Das möchte Pierfrancesco Vago ändern. Der Chef der Kreuzfahrtlinie MSC Cruises fordert eine Debatte darüber, ob nicht etwa die Kreuzfahrtindustrie die eigenen Schiffe mit Waffen ausstatten sollte, wie er dem Branchenmagazin "Lloyds List" sagte. "Wir müssen dies intern diskutieren und wir müssen darüber als Branche sprechen", sagte Vago.

Der MSC-Chef hat Gründe, warum er eine Diskussion anstoßen will. Der wichtigste: Ende April wurde die MSC Melody mit 991 Passagieren an Bord von Piraten angegriffen. Der Kaperversuch wurde zurückgeschlagen - auch dank Waffengewalt. An Bord des Schiffes befanden sich Pistolen, mit denen die Sicherheitskräfte unter anderem die Piraten zur Aufgabe zwangen. Und "ich möchte mir lieber nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn es 1000 Geiseln gegeben hätte. Es wäre eine Katastrophe geworden", sagte Vago.

Andere Reeder sollen aus Fällen wie diesem bereits die Konsequenzen gezogen und private Sicherheitsdienste engagiert haben, wie Lloyds List aus Sicherheitskreisen erfahren haben will. Die dänische Reederei Shipcraft hat sich nach einem Angriff auf eines seiner Schiffe entschieden. Bewaffnete Wachen eines privaten Unternehmens sollen zukünftig im Golf von Aden für Schutz sorgen.

Die private Sicherheitsfirma Xe, bis zur Umbenennung und Umstrukturierung auch als Blackwater bekannt, soll verschiedenen Schifffahrtsgesellschaften bereits ein bewaffnetes Begleitschiff angeboten haben - samt Beibooten und Helikoptern. Auf Anfrage teilte Xe Handelsblatt.com mit, dass Xe gegenwärtig nicht in Anti-Piraten-Aktivitäten involviert sei.

Dass ein Teil der Schifffahrt aufrüstet oder über Waffen nachdenkt, stößt in der Branche aber nicht durchweg auf Zustimmung. Auch nicht bei Schifffahrtsgesellschaften, die bereits selbst von Piraten-Angriffen betroffen waren. Die weltgrößte Reederei AP Moeller-Maersk etwa spricht sich nach wie vor gegen eine Bewaffnung ziviler Schiffe aus. Maersk-Vorstand John Clancy sagte vor dem Ausschuss des US-Senats, dass dies "die Meere nur noch gefährlicher" machen werde. Clancy befürchtet eine Eskalation auf See, ein Wettrüsten zwischen Schifffahrt und Piraterie - was auch der Standpunkt des Branchenverbandes International Chamber of Shipping (ICS) ist.

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