Preisanstieg
Eine Milchmädchenrechnung

Die Milchseen von einst sind seit Jahresbeginn ausgetrocknet, die Butterberge abgeschmolzen, die Preise in die Höhe geschnellt. Jetzt streiten Bauern, Molkereien, Handel und Verbraucher, wer schuld ist am Preisschock. Wer melkt wen, das ist hier die Frage. Zumindest bei einigen Bauern ist bisher nichts von der Preiserhöhung angekommen.

DAHLEM. Birte, Fricka und die anderen zehn haben frei, seit Wochen schon. Sie grasen auf der Weide hinter dem Haus und trotten morgens und abends nur zur Gesellschaft mit in den Stall. Die schwarz- und rotbunten Rindviecher aus der Hocheifel sind das trockene Dutzend von Josef Reuter. Milch sollen sie nicht geben, erst im Herbst wieder, wenn Reuter abschätzen kann, wie viel Luft er noch hat zum Produzieren, wie weit die Milchpreise steigen und vor allem, ob die Quote fällt. Die Quote, die verhindert, dass die Bauern trotz gestiegener Nachfrage mehr produzieren und von den derzeit höheren Preisen profitieren.

200 000 Liter darf Landwirt Reuter zwischen 1. April und 31. März eines jeden Jahres produzieren. So will es die EU-Milchmengenregelung, die seit 1984 gilt, um Überproduktionen und Preisverfälle zu vermeiden. Doch die Milchmengenregelung war von Anfang an eine Milchmädchenrechnung, schimpft Reuter morgens ums halb acht auf seinem Hof in Dahlem. „Kein Bauer hatte damals die Quote, die er heute hat“, kritisiert er beim Melken im Kuhstall. Wer es sich leisten konnte, kaufte „Milch“ dazu, von Landwirten, die den Betrieb aufgaben oder auf lukrativere Produkte umstellten, von „Sofamelkern“, die ihre Quoten verleasen. 1995 hat auch Reuter Quote gekauft, 50 000 Liter. 50 000 Mark hat er dafür bezahlt.

Doch die Milchseen von einst sind seit Jahresbeginn ausgetrocknet. Jetzt streiten Bauern, Molkereien, Handel und Verbraucher, wer schuld ist am Preisschock. Der Handel verweist auf gestiegene Erzeugerpreise, die Bauern und Molkereien verdächtigen Aldi, Lidl und Co abzusahnen, und die Verbraucher reagieren mit Hamsterkäufen. Das Problem liegt im System: An einem Grundprodukt wollen viele verdienen.

Am Anfang stehen Bauern wie Reuter. Sie verkaufen ihre Milch in Jahreskontrakten an die Molkereien. Das sind überwiegend Genossenschaften, an denen die Bauern beteiligt sind. Die Molkereien produzieren Milch, Sahne, Butter, Joghurt, Käse und schachern mit dem Handel mehrmals im Jahr um die Abnahmepreise. „Beim gesamten Handel gilt, so günstig wie möglich einkaufen, da ist sich jeder selbst der Nächste“, sagt Handelsexperte Volker Dölle.

Die Verbraucher wollen billig einkaufen, die Discounter möglichst viele Kunden in die Läden locken. Milch und Butter sind dabei so genannte Eckartikel. An deren Preisen entscheiden Verbraucher, ob der Einkauf im jeweiligen Supermarkt günstig ist oder nicht. Entsprechend hart verhandelt der Handel.

Der Einstieg in die Produktionskette beginnt mit einem schmatzenden Geräusch. Bauer Reuter dockt die vier Zitzenbecher der Melkmaschine am Euter an. Bertha lässt sich das ruhig gefallen und wartet geduldig käuend bis das Klick-klack der Melkmaschine langsamer wird, während die Milch durch die Rohre im Stall fließt und nebenan in die Stahlwanne schießt. 650 Liter geben Reuters Kühe pro Tag. 27 Cent bekommt er je Liter Milch der S-Klasse, die kaum Keime aufweist und in der nur wenig Zellen schwimmen. Zwischen 17 und 18 Cent je Liter kosten ihn Tierärzte, Maschinen und das Futter, auch wenn seine Kühe vor allem Gras von den Wiesen rund ums Haus bekommen. Zehn Cent je Liter – zum Leben reicht das nicht.

„Man hangelt sich so durch“, sagt er. Das geht, denn Reuter muss nicht investieren. Keines seiner vier Kinder will Bauer werden. Wenn er in zehn Jahren in Rente geht, stirbt auch der historische Hof an den Ufern der Kyll.

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