Premierenflug geplatzt: Kassel-Calden fehlen die Passagiere

Premierenflug geplatzt
Kassel-Calden fehlen die Passagiere

Peinlicher Start für den Flughafen Kassel-Calden: Weil nicht genug Passagiere gebucht haben, muss der erste reguläre Flug vom neuen Airport ausfallen. Die Verantwortlichen üben sich in Optimismus.
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KasselIn knapp einer Woche soll in Kassel-Calden Deutschlands neuester Flughafen eingeweiht werden. Zur Eröffnung des 271-Millionen-Euro-Projekts hat sich auch Hessens Ministerpräsident Bouffier angekündigt. Doch eins wird fehlen: die Passagiere. Weil die Buchungszahlen zu gering ausgefallen sind, muss der Premierenflug von Kassel nach Antalya abgesagt werden. Stattdessen starten die Passagiere im 71 Kilometer entfernten Paderborn.

Zuvor hatte das „Göttinger Tageblatt" berichtet, dass für den ersten Flug an Deutschlands neuem Flughafen nur sechs Passagiere gebucht hatten. Bis 2020, so die Prognose der Verantwortlichen, sollen am Flughafen Kassel-Calden bis zu 650.000 Passagiere abgefertigt werden. Ein kühner Ausblick angesichts der aktuellen Wettbewerbslage. Im hart umkämpften Wettbewerb der Regionalflughäfen machen die wenigsten Gewinn.

Das Risiko trägt der Steuerzahler: Finanziert wurde der Flughafen Kassel-Calden ausschließlich vom Land Hessen, der Stadt und dem Landkreis Kassel sowie der Gemeinde Calden. Wirtschaftsminister Florian Rentsch (FDP) gab sich beim Richtfest im Juni optimistisch: „Volkswirtschaftlich, das ist unumstritten, wird der Flughafen ein voller Erfolg werden.“ Doch wie hoch das Risiko der Regionalflughäfen derzeit ist, lässt sich am Hunsrückflughafen Hahn ablesen. Dort haben rückläufige Fracht- und Passagierzahlen so tiefrote Zahlen verursacht, dass selbst Hahn-Aufsichtsräte vor einer drohenden Pleite des Airports warnten.

"In den Medien wird immer versucht, Verkehrsinfrastruktur darauf zu drehen, dass sie Gewinne generieren muss. In diese Ecke werden wir leider als Regionalflughafen gedrängt, ohne das Gesamtbild zu sehen", sagt Kassels Flughafen-Chefin Maria Muller. Dabei würden die positiven Effekte für die Region oft übersehen.

Auch Caldens Bürgermeister Andreas Dinges hofft auf steigende Einnahmen. Doch für ihn sind die positiven Effekte noch nicht sicher: "Es hat sich für uns noch nicht gezeigt, dass Unternehmen vom neuen Flughafen angezogen werden", sagt er. "Wir liegen hinter den Prognosen zurück."

Bis 2018 soll der Flughafen Kassel-Calden wirtschaftlich so gut dastehen, dass keine Unterstützung des Staats mehr notwendig ist. "Natürlich versuche ich alles, um mit dem neuen Flughafen langfristig erfolgreich zu sein. Aber wenn ganz Europa kollabiert, kann man nicht nur isoliert fragen, ob wir in Kassel-Calden auch unsere Pläne halten können", sagt Flughafen-Chefin Muller.

Bei der Fluggesellschaften ist der neue Airport bisher jedenfalls alles andere als beliebt. Der Flugplan bis Ende Oktober 2013 besteht aus 13 Charter- und Billigflügen pro Woche. Der Einstieg der polnischen Enter Air war Mitte März geplatzt, zuvor hatte bereits XL Airways Germany Insolvenz anmelden müssen. Weil die EU verboten hat, mit verringerten Start- und Landegebühren zu werben, soll kein Billigflieger dauerhaft in Kassel-Calden einziehen.

Ganz leer soll die Landebahn am Eröffnungstag aber nicht sein. Immerhin soll ein Schauflug starten: Von den 180 Plätzen sollen nur 30 besetzt sein.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt

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  • Diese ganze Misere der Regionalflughäfen liegt an unserer Kleinstaaterei... Jeder Landesfürst hat da sein eigenes Steckenpferd. Statt ein verkehrspolitisches Konzept mit entsprechenden Vorgaben innerhalb der Bundesrepublik umzusetzen, werden völlig unsinnige Vorhaben wie in Kassel umgesetzt. ERF steht sein fast zwei Jahren leer und trotz dass dort alles Equipment vorhanden ist, was ein Verkehrsflughafen braucht - kommt die Politik nicht einmal auf die Idee, hier nach Synergien zu suchen.
    Die Liste der völlig sinnlosen Flughäfen ist lang: Memmingen, Schwerin Parchim, Lübeck, Cochstedt, Altenburg, Hahn, Dortmund - das sind nur ein paar, die mir gleich infallen...
    Auch das Frau Maria Muller in Rostock halbwegs durchkam liegt nur daran, dass es sich um einen MIL Platz handelt, der von der zivilen Seite lediglich mitbenutzt wird. So werden viele wirklich kostenintensive Posten vom Verteidigungsministerium übernommen.
    Die einzig sinnvolle Lösung für Kassel: Schaden begrenzen und einen Verkehrslandeplatz daraus machen. Besser ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende...

  • Wie wär's denn mit einem Shuttleservice per Bus und Bahn nach Berlin?

  • Warum lügen sich bloß alle Verantwortlichen derart in die Tasche? Regionalflughäfen machen alle, wiederhole alle, dauerhaft rote Zahlen. Und wenn doch mal ein Jahr operativer Gewinn dabei ist, verdienen sie trotzdem niemals ihre Investitionen. Das liegt im System, weil es keine Kunden gibt die ihre Leistungen zu kostendeckenden Preisen abnehmen. Ganz oben weiß man das - die teuren Berater sind ja nicht blöd. Und die Flughafenchefin weiß es auch, die ist auch nicht blöd und hat Erfahrung, muss aber ihren Job so lange wie möglich behalten.
    Wenn man also die Infrastruktur trotzdem für nötig hält, wäre es doch mal eine Sensation, das ehrlich zu begründen. Ehrlich heißt VOR Projektbeginn.

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