Pricewaterhouse-Coopers
Prüfer fürchten Bilanz-Nationalismus

Der Wirtschaft droht eine neue Phase des Bilanzierungs-Protektionismus. Damit könnte die Krise Unternehmen jetzt auch von unerwarteter Seite schaden. Die Wirtschaftsprüfer von Pricewaterhouse-Coopers befürchten eine neue Welle nationaler Sonderregelungen bei der Rechnungslegung.

FRANKFURT. "Wir geraten hier in eine Phase eines nationalen Bilanzierung-Protektionismus, in der sich die Staaten wieder auf die alten, eigenen Regeln besinnen. Das ist eine gefährliche Entwicklung", sagte Hans Wagener, der Vorstandsprecher der Prüfungsgesellschaft Pricewaterhouse-Coopers, dem Handelsblatt.

Die Unternehmen sind in der global vernetzten Welt auf möglichst einheitliche Standards in der Rechnungslegung angewiesen, nicht zuletzt um eine ausreichende Transparenz für Aktionäre zu schaffen. Deshalb wurden über Jahre die Bilanzierungs-Grundlagen innerhalb Europas und zwischen Europa und den USA harmonisiert.

Diese Arbeit von Jahren scheint durch die Krise bedroht. So wünschen sich einige Experten zum Beispiel eine Abkehr von einer marktgerechten Bewertung etwa von Übernahmewerten nach IFRS und stattdessen eine Rückkehr zur Abschreibung über mehrere Jahre, wie sie im Handelsgesetzbuch festgeschrieben ist. "Ich sehe kaum Chancen, diese Phase in den kommenden fünf Jahren zu überwinden. Das ist eine sehr gefährliche Entwicklung", sagte Wagener

"Ich appelliere an alle, in Ruhe die Situation zu analysieren und dann nachhaltige Maßnahmen zu entwickeln", sagte der deutsche PWC-Chef. Derzeit herrsche ein gefährlicher Aktionismus. "Wir haben zum Beispiel nach jahrelangen Diskussionen Basel II eingeführt. Jetzt hat das System den ersten Belastungstest nicht bestanden, und wir reden über eine Aufweichung."

Wagener übte zudem deutliche Kritik an der in den letzten Tagen geäußerten Idee der Regierung, Kre-dite an den Banken vorbei direkt an die Unternehmen zu geben. "Wenn die Regierung meint, den Mittelstand stärker stützen zu müssen, muss sie dazu keine Kredite an den Banken vorbei vergeben, was auch rechtlich schwierig ist. Es gibt dafür gute Instrumente, etwa über einen Mittelstands-Plafond bei der KfW."

Nach Ansicht von Wagener steht die Unternehmensfinanzierung vor einem Wandel: "Ich glaube, dass das Hausbanken-Modell eine Renaissance erleben wird." Auch Michael Weller, Partner für den Bereich Banken und Kapitalmarkt bei der Anwaltssozietät Clifford Chance, sieht eine wachsende Bedeutung dieser alten Idee.

"Das Vorgehen, sich immer nur dort einzelne Finanzprodukte herauszupicken, wo die Konditionen am besten sind, funktioniert nicht mehr", sagt er. Die Banken würden ihre Kundschaft viel stärker nach der Bedeutung für das Gesamtgeschäft sortieren.

Wagener nahm auch Stellung zu den Vorwürfen gegen PWC im Zu-sammenhang mit der Prüfung von Bürgschaftsanträgen. PWC ist hier derzeit die einzige Prüfungsgesellschaft, die Unternehmensanträge auf staatliche Bürgschafte prüft. Das hatte zu heftiger Kritik in den Reihen der Opposition sowie bei Rivalen von PWC geführt. "Wir verdienen damit keine goldene Nase", konterte Wagener.

PWC bekomme keine Prämien, wenn Bürgschaftsanträge vom Bund genehmigt würden. "Wir erhalten eine Bearbeitungsgebühr und dann bei einer bewilligten Bürgschaft eine weitere Bezahlung aus dem Bürgschaftsentgelt des Unternehmens an den Bund, um die Umsetzung für den Bund zu monitoren."

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
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