Private-Equity
Rolle vorwärts

Die Finanzkrise bringt „die Guten“ zurück: Weil aggressive Investoren keine Kredite mehr erhalten, erleben langfristig kalkulierende Private-Equity-Firmen derzeit ein Comeback - wie beim Autozulieferer ISE im Bergischen Land.

BERGNEUSTADT. Grob kariertes Hemd mit kurzen Ärmeln, keine Krawatte, Hände, die zupacken können: Wolfgang Kakuschki sieht aus, wie man sich einen Betriebsratschef vorstellt. Jemand, der von frühester Jugend an Fabrikluft geschnuppert hat. Seit fast 35 Jahren ist er Werkzeugmacher bei der Firma in Bergneustadt, die heute ISE Innomotive heißt. "Mein Vater hat hier gearbeitet", sagt der 51-Jährige mit den rotblonden Haaren und dem Vollbart. "Und davor hat sein Vater hier gearbeitet."

Würde jemand wie Wolfgang Kakuschki seine Kollegen im Stich lassen? Ausliefern? Womöglich noch an eine "Heuschrecke" - jener Spezies von Finanzinvestoren, die Ex-SPD-Chef Franz Müntefering vor drei Jahren so attackierte, weil sie über Land ziehen, schwächelnde Firmen kaufen, sie bis aufs Skelett abknabbern und dann weiterziehen? Kakuschki würde nicht nur - er hat.

"Was die Arbeitsplätze und die Sicht der Arbeitnehmer angeht, war das Angebot von Nordwind das beste aller Angebote", sagt Kakuschki. Plumpe Gewerkschaftsparolen sind nicht sein Ding.

Der ISE-Betriebsratschef hat den Trend verstanden: Die "guten" Private-Equity-Firmen kommen zurück. Die, die nicht zum Fleddern kommen, sondern zum Finanzieren. Die, die nicht sofort Rendite wollen, sondern auf mittelfristigen Erfolg setzen. Die, die mehr ticken wie ausgeruhte Mittelständler als wie gierige Investmentbanker.

Die Finanzkrise macht?s möglich. Konnten in der Zeit des billigen Geldes Finanzinvestoren sogar Milliardendeals fast ausschließlich mit Krediten stemmen und sich dann an den Honigtöpfen der Übernommenen laben, sind nun die kleineren, strategischen Investoren wie Nordwind Capital wieder im Aufwind. "Die Finanzkrise hat für eine klare Trendwende gesorgt", sagt Martina Ecker von der US-Investmentbank Jefferies. "Anders als noch Anfang 2007 ist es für Private Equity nicht mehr möglich, ein Investment bloß über hohe Verschuldungsgrade zum Erfolg zu führen. Was nötig ist, sind operative Verbesserungen. Von dieser Entwicklung werden insbesondere konservativ finanzierende Private-Equity-Unternehmen verstärkt profitieren."

Ein Nutznießer ist Kakuschkis Betrieb in Bergneustadt. "Wir glauben, ISE hat ein immenses Potenzial", sagt Anton Schneider von Nordwind Capital. "Und wir sind Fans des Standorts Deutschland."

Rückblende. Anfang 2007 ist es so weit: ISE stellt den Insolvenzantrag. Drei Monate später wird das Verfahren eröffnet. ISE ist einer der Weltmarktführer aus Deutschland, die kaum jemand kennt. Hauptstandort ist Bergneustadt im Bergischen Land zwischen Köln und Siegen. Gegründet anno 1930, stellt das Unternehmen Überrollbügel für Cabrios her. Hinzu kommen Teile für Getriebe und Karosserien. Ob Daimler, Ford, Audi oder Peugeot - alle sind ISE-Kunden.

Doch der Preisdruck der Autokonzerne wächst und wächst. Drei bis fünf Prozent Preisnachlass jährlich - sonst bekommt eben ein Konkurrent den Zuschlag. ISE versucht, mit Internationalisierung zu kontern: In den USA, Südafrika, Ungarn, Polen, China und der Türkei werden Töchter aufgebaut - wohl zu schnell. Die Integration stockt. Mehrfacher Eigentümerwechsel - zuletzt 1997, als das Management das Unternehmen selbst übernahm - macht die Dinge nicht einfacher. Spätestens da fehlt es ISE an Eigenkapital. Investitionen kommen zu kurz. Das verrät schon der Augenschein: Da steht die ein oder andere Maschine in den Werkshallen, die kräftig Öl verliert.

Was nun? Das Zittern beginnt in Bergneustadt. Gerade in der Autozuliefererindustrie machten Finanzinvestoren den Vorurteilen gegen ihre Branche alle Ehre. 2006 verabschiedete sich Permira beim schwer angeschlagenen Automobilzulieferer Kiekert, nachdem das Unternehmen Probleme hatte, seine Schulden zu tilgen. Genauso erging es Montagu bei TMD Friction. Die Private-Equity-Häuser bürdeten den erworbenen Unternehmen zu hohe Schulden auf, um ihren eigenen Kredit abzuzahlen. Gerade in wettbewerbsintensiven Branchen ist das riskant. Fällt ein Kunde weg oder steigen die Rohstoffpreise stark, brechen Umsätze weg, während Schulden und Tilgung weiter bedient werden müssen. Die Zeche zahlte oft die Belegschaft. So wurden bei Kiekert Hunderte von Stellen verlagert. Bei Edscha in Remscheid - im Besitz des US-Fonds Carlyle und wie ISE groß im Cabrio-Geschäft - war die Zahl der verlorenen Jobs gar vierstellig.

Nun herrschte also Insolvenzverwalter Christopher Seagon bei ISE. Bieterverfahren: Statt eines industriellen Investors bekommt Nordwind Capital den Zuschlag. Wie viele Finanzinvestoren ist die Gruppe aus München spezialisiert auf den Kauf von Firmen, die am Boden liegen.

Nur verzichtet Nordwind seit jeher auf das sonst übliche Schreckensinstrumentarium der Private-Equity-Branche - auch bei ISE. Finanziert haben die Münchener den Kauf der inländischen ISE-Gesellschaften komplett ohne Kredite. "Und wir haben uns verpflichtet, die nächsten fünf Jahre keinen Cent aus dem Unternehmen zu ziehen", sagt Nordwind-Mann Schneider. Will Nordwind Rendite bei ISE machen, bleibt nur eines: die Firma in jahrelanger Kleinarbeit wieder hochzubringen, um sie in späteren Jahren mit Gewinn zu verkaufen.

Um das zu erreichen, will Nordwind Millionen investieren, unter anderem in ein neues Presswerk. Die Verwaltung soll schlanker, die Logistik effizienter werden. Schließung oder Verlagerung von Werken in Billiglohnländer sind nicht geplant. "Wir haben uns viel vorgenommen", sagt Schneider. Er ist vom Fach: Einst führte er den Kölner Motorenbauer Deutz.

Dass sich Nordwind gegen rund 70 Interessenten durchsetzte, zeigt: Sensibilität drängt die Hemdsärmeligkeit in der Private-Equity-Branche langsam wieder zurück. Nordwind suchte von Anfang an den Kontakt zur Belegschaft. Die Regel ist das nicht, wie die jüngsten Turbulenzen um den Einstieg von Permira beim schwäbischen Designer-Label Hugo Boss zeigen. "Am Ende war es ein Dreiklang, der ausschlaggebend war", sagt Insolvenzverwalter Christopher Seagon: "Nordwind hatte die Rückendeckung der Belegschaft, der ISE-Kunden und dazu noch den besten Preis."

Um zu erfahren, was passiert wäre, wenn ISE die 20 000-Einwohner-Stadt Bergneustadt verlassen hätte, genügt ein Gespräch mit André Casagrande. Der hat zwar wenig Ahnung vom Autobauen, aber ein feines Gespür für die wirtschaftlichen Verhältnisse seiner Kunden. Sein Eiscafé - vor 40 Jahren vom Vater gegründet - liegt nur einen Steinwurf vom ISE-Haupttor entfernt. "Wenn sie die Firma wirklich geschlossen hätten, hätte ich meinen Laden auch gleich zumachen können", sagt Casagrande. Seit dem Insolvenzantrag sei das Geschäft schlechter gelaufen. Nun habe er wieder Hoffnung: "Das ist ein Neuanfang."

Für Wolfgang Kakuschkis Kollegen bedeutet der Neuanfang dennoch Einschnitte. Denn auch der netteste Investor muss betriebswirtschaftlich kalkulieren. Von einstmals knapp 1 700 ISE-Beschäftigten in Bergneustadt haben nur 1 132 unbefristete Neuverträge erhalten. 400 mussten sich mit einer Befristung auf zwölf bis 32 Monate zufriedengeben, der Rest kam in eine Transfergesellschaft. Nimmt man alle deutschen Standorte zusammen, fällt jeder siebte der früher gut 2 400 Arbeitsplätze bei ISE weg. Wer bleibt, muss in der Woche zweieinhalb Stunden länger arbeiten. Urlaubs- und Weihnachtsgeld sind halbiert.

Und ob es damit getan ist, muss sich erst noch zeigen. Während der Insolvenz sprangen auch Kunden ab. Frühestens 2012 rechnet Nordwind-Manager Schneider deshalb erst wieder mit Umsatzwachstum bei ISE: "Wahrscheinlich wird es deshalb noch zu einem weiteren Personalabbau kommen." Dafür verspricht er den Davongekommenen eine Erfolgsbeteiligung, wenn sich ISE wieder berappelt hat.

Trotz allem: In Bergneustadt hat man am 1. Juni die "Heuschrecke" mit Glockengeläut und gehissten Fahnen empfangen. Aus Erleichterung: Denn der Deal drohte in letzter Sekunde zu platzen. Rund 70 Mitarbeiter weigerten sich, die von Nordwind geforderten Aufhebungsverträge zu unterzeichnen. Doch der überwiegende Teil der Belegschaft hatte zugestimmt. Am Ende wurden die Neinsager von Insolvenzverwalter Seagon fristlos gekündigt, um die 156 Einzelbedingungen von Nordwind zu erfüllen.

Die Turbulenzen der vergangenen Monate haben auch beim Betriebsratschef Spuren hinterlassen. "Das ist eine Art Burn-out", sagt Kakuschki. "Ich war noch nie in einer Situation, in der es um so viele Arbeitsplätze, um Sein oder Nichtsein ging." Seit kurzem ist er eigentlich kein Betriebsrat mehr - der wurde vorübergehend aufgelöst. Doch bei den Neuwahlen tritt er wieder an. Ob er mit dem Einstieg von Nordwind zufrieden sei? Kakuschki überlegt kurz. "Ich glaube, dass uns keiner den Vorwurf machen kann, wir hätten zu wenig rausgeholt. Heuschrecke ist nicht gleich Heuschrecke."

Neue Partner

ISE Innomotive

Seit Anfang April 2007 das Insolvenzverfahren des Autozulieferers eröffnet wurde, konnte die Firma von Betriebsratschef Wolfgang Kakuschki für 2007 einen Rekordumsatz von 331 Millionen Euro einfahren. Auch die Verluste gingen zurück. Mit in die Insolvenz musste auch die juristisch eigenständige ISE Industries in Duisburg und Witten. Nicht betroffen waren allerdings die Auslandstöchter von ISE.

Nordwind Capital

Die Private-Equity-Gesellschaft mit Sitz in München konzentriert sich auf größere Mittelständler mit einem Umsatz zwischen 100 Millionen und zwei Milliarden Euro. Der Nordwind Capital Fonds verfügt über Einlagen von 300 Millionen Euro. Zu den Gründern von Nordwind gehören Ex-Deutz-Chef Anton Schneider und Hans Albrecht, ehemaliger Geschäftsführer des US-Finanzinvestors Carlyle in Deutschland.

Hans G. Nagl
Hans G. Nagl
Handelsblatt / Senior Financial Correspondent
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