Private werden in der Not zu Rettern für kommunale Kliniken
In aller Freundschaft

Im deutschen Krankenhausmarkt stehen die Zeichen auf Privatisierung. Die Finanzspritze der Bundesregierung reicht nach Ansicht von Experten nicht aus, um die Kliniken aus den roten Zahlen zu bekommen. Das spielt großen Konzernen wie Helios oder Sana in die Hände.

FRANKFURT. Im deutschen Krankenhausmarkt stehen die Zeichen auf Privatisierung. Die sich anbahnende Rezession und die nach wie vor drohenden Finanzierungslücken dürften viele kommunale Krankenhausbetreiber in den nächsten Monaten und Jahren dazu zwingen, sich von defizitären Häusern zu trennen. Davon gehen Branchenexperten aus, mit denen das Handelsblatt die Perspektiven des Krankenhaussektors erörtert hat.

Die kürzlich von der Bundesregierung beschlossene Finanzspritze von 3,2 Mrd. Euro reicht aus ihrer Sicht nicht aus, die Verlust-Situation in vielen öffentlichen Kliniken zu bereinigen. "Die internationale Finanzkrise könnte die Situation für viele Krankenhausbetreiber sogar noch verschlimmern", urteilt Harald Linné von der Beratungsfirma Boyden Interim Management. "Denn verschärft sie den Abwärtstrend in der Realwirtschaft, werden die Steuereinnahmen sinken. Dies wiederum engt den Spielraum der Kommunen ein, etwaige Defizite ihrer Krankenhäuser auszugleichen", sagt der Berater.

Das spielt den großen privaten Klinikkonzernen wie Asklepios, Helios, Rhön-Klinikum und Sana in die Hände, die in den vergangen Jahren kontinuierlich durch Übernahmen gewachsen und an weiteren Zukäufen interessiert sind. Allerdings sind auch die Privaten wählerischer geworden. So müssen sich nach Meinung von Francesco De Meo, Chef des Klinikkonzerns Helios, öffentliche Betreiber darauf einstellen, dass künftig nicht mehr alle Krankenhäuser, die sich zum Verkauf stellen, einen Käufer finden. "In vielen Häusern ist der Investitionsstau groß. Zum Teil wird schon so lange mit Defiziten gearbeitet, ist die Zahl der Patienten schon so stark gesunken, dass man eine Sanierung eigentlich kaum noch sicherstellen kann", sagt er.

Manche Betreiber müssen beim Verkauf ihrer Krankenhäuser sogar damit rechnen, noch Geld draufzulegen. Das zeigt das Beispiel der defizitären Kliniken des Schwalm-Eder-Kreises. Ende 2006 gingen sie für den symbolischen Kaufpreis von einem Euro an ein von Asklepios geführtes Konsortium. Der Kreis zahlte den Käufern noch rund 16 Mio. Euro als Verlustausgleich.

Der deutsche Klinikmarkt umfasste nach den aktuellsten verfügbaren Zahlen des statistischen Bundesamtes 2006 rund 2 100 Kliniken und 511 000 Betten. Die Überkapazitäten schätzt das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) auf rund elf Prozent. Eine erhöhte Insolvenzgefahr sieht das Institut bei rund 18 Prozent der Krankenhäuser. Die Beratungsgesellschaft Ernst & Young rechnet damit, dass bis zum Jahr 2020 die Zahl der Krankenhäuser um fast ein Viertel sinken wird auf dann noch 1 500.

"Wir haben zweifellos Überkapazitäten in Deutschland. Ich gehe aber davon aus, dass sich die Zahl der Kliniken vor allem durch Fusionen und Übernahmen reduzieren wird oder durch die Aufgabe einzelner Standorte, weniger durch Insolvenzen", sagt Jochen Metzner, Referatsleiter Krankenhausversorgung beim Hessischen Sozialministerium.

Vor allem kommunale Krankenhäuser wurden in den vergangenen Jahren privatisiert. Während der Anteil der öffentlichen Krankenhäuser seit Mitte der Neunzigerjahre von rund 40 Prozent auf 34 Prozent im Jahr 2006 sank, bauten die privaten ihren Anteil von unter 20 Prozent auf 28 Prozent aus. Der Anteil der Häuser in freigemeinnütziger Trägerschaft ist mit 38 Prozent ziemlich konstant geblieben.

Private Kliniken profitieren vor allem von niedrigeren Personalkosten-Quoten, besseren Entscheidungsstrukturen und Größenvorteilen im Einkauf. Sie sind dank ihrer höheren Ertragskraft eher in der Lage, aus dem operativen Geschäft zusätzliche Mittel für Investitionen zu generieren. Wie stark der Privatisierungsdruck in den nächsten Jahren wird, hängt daher aus Sicht der Branchen-Experten vor allem davon ab, ob und inwieweit öffentliche Klinikbetreiber ähnlich leistungsfähige Strukturen etablieren können.

Für Managementberater Linné von Boyden Interim spielen dabei das Management und die Entscheidungsprozesse ganz zentrale Rollen. Die Führungsqualität und die Entscheidungsgeschwindigkeit seien bei privaten Betreibern überwiegend hervorragend, bei öffentlichen Kliniken dagegen zum Teil noch ungenügend. Metzner vom Hessischen Sozialministerium verweist auf den Trend, auch im kommunalen Bereich konzernartige Strukturen zu etablieren, etwa mit dem Klinikverbund Hessen.

Seite 1:

In aller Freundschaft

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%