Privater Güterverkehr
Stefan Raab steht auf Dampfmaschinen

Von Freizeit-Lokführern zu Mehdorn-Konkurrenten: Während die Deutsche Bahn von Streiks geplagt wird, erobern kleine Privatbahnen das Güterverkehrsgeschäft. Die Bahnen fahren dabei nicht nur regional, sondern auch bundesweit – und setzen so den Branchenführer unter Druck.

BRÜHL. Wenn Stefan Raab mit seinem Vulkanexpress vom Rhein hinauf in die Eifel fährt, holt ihn der Stress aus dem Tal schnell wieder ein. Dabei hat es im Speisewagen auf der Brohltal-Schmalspurstrecke niemand eilig. Wie in Zeitlupe kämpft sich der Zug durch hügelige Wiesen, vorbei an Apfelbäumen und Fachwerkhäusern. Die Fahrgäste warten geduldig, bis Raab ihnen am Tresen Kaffee, Kölsch und Likör der Sorten „Heißdampföl“ und „Pufferfett“ verkauft.

Doch Raab, Geschäftsführer der Brohltal-Schmalspureisenbahn Betriebsgesellschaft und nur Namensvetter des Showmasters Stefan Raab, ist mit den Gedanken meist woanders. Seine Firma kutschiert längst nicht mehr nur Schulklassen und Wandergruppen über rumpelige Gleise, sondern fordert die große Deutsche Bahn im Güterverkehr heraus. Und so bimmelt zwischen all dem Schnaufen und Pfeifen des Touristenbähnleins ständig Raabs Handy. „Der Zug in Koblenz ist jetzt bereitgestellt“, ruft er dann hinein, oder: „Schotter nach Wesel? Schicken Sie uns Ihre Anfrage bitte per Fax.“ Die Fahrt im Vulkanexpress richtig genießen kann der 38-Jährige nicht. Das übrige Geschäft wird für sein Unternehmen immer wichtiger.

Raab ist einer von zahlreichen Bahn-Idealisten, die ihr Hobby zum Beruf gemacht haben – und der Deutschen Bahn Kunden abjagen. Als die Bahnreform 1994 Wettbewerb brachte, gründeten im ganzen Land Freizeit-Bahner Unternehmen. Und während die Deutsche Bahn ab Freitag wieder mit Streiks auch im Güterverkehr rechnen muss, ernten die Kleinen jetzt, da der Schienengüterverkehr kräftig boomt, die Früchte ihrer Risikobereitschaft.

„Ein klassischer Fall“, sagt der Geschäftsführer des Netzwerks Privatbahnen, Arthur-Iren Martini, über die Brohltalbahn. Mindestens vier bis fünf Museumsbahnen haben sich im Güterverkehrsmarkt etabliert, schätzt er. Darunter sind die Pressnitztalbahn in Sachsen oder die Rhein-Sieg-Bahn in Bonn. Oft gehen ihre Aktivitäten weit über ihre angestammten Sprengel hinaus.

„Am Anfang dachten wir noch, so ein Schnäpschen könnten wir uns ja dazuverdienen“, sagt Betriebswirt Raab, der sich schon als Kind für den Vulkanexpress begeisterte und seit gut drei Jahren hauptamtlich für die Schmalspurbahn arbeitet. Damals kam er auch auf die Idee, mal beim Rohstoffriesen Corus in Voerde am Niederrhein anzufragen, ob sie ihren Aluminiumbarren-Verkehr nach Koblenz nicht wieder per Bahn abwickeln wollten. „Die Deutsche Bahn war uns immer viel zu unflexibel“, sagt der dortige Geschäftsführer Hartmut Rossel heute. Raab und seine Firma aber wollten in fünf Stunden statt in mehreren Tagen liefern, Rossel gab ihnen eine Chance.

Morgens um vier Uhr stiegen Raab und zwei Kollegen in Brohl auf eine gemietete Lok und zogen so den größten Auftrag der Firma an Land. Heute fährt der Zug drei Mal wöchentlich und liefert im Jahr gut 50 000 Tonnen. Mehr als die Hälfte des Umsatzes, der sich seit 2001 auf 1,5 Millionen Euro verdoppelt hat, erzielt die elf Mitarbeiter zählende Firma im Güterverkehr.

Raab und seine Leute wollen vieles anders machen als die Deutsche Bahn. „Unsere Zugbesatzung ist für den Kunden immer auf dem Handy erreichbar – er weiß sofort, wo die Ladung ist.“ Angenehm überrascht sei er vom Service gewesen, sagt Corus-Mann Rossel. So sehr, dass er einmal einen Salonwagen an den Güterzug koppeln ließ, um auf der Tour mit seinen Koblenzer Partnern anzustoßen. Mittlerweile haben sich die privaten Güterbahnen zu echten Konkurrenten für die Deutsche Bahn entwickelt. Ihr Marktanteil beträgt 16,4 Prozent – Tendenz steigend.

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