Privatisierung
Brasilien will Flughäfen von Privaten betreiben lassen

Die Wirtschaft hat die von der Regierung überraschend angekündigte Privatisierung von zwei brasilianischen Flughäfen begrüßt. Das anstehende Großereigniss Fußballweltmeisterschaft zwingt die Regierung zur Eile - nur wenn der gigantische Nachholbedarf in der Infrastruktur behoben wird, kann Brasilien künftige Massenereignisse stemmen.

SÃO PAULO. "Uns ist gleich, ob die Flughäfen zeitlich beschränkt per Konzession oder vollständig privatisiert werden", sagte Paulo Skaf, der Präsident der Fiesp, des Industrieverbands in São Paulo, "Hauptsache es bewegt sich was. Denn die Flughäfen können mit den derzeitigen Kapazitäten weder mehr Passagiere noch Flugzeuge verkraften."

Auch die brasilianischen Baukonzerne Andrade Gutierrez oder Camargo Correia haben schon länger politisch daran gearbeitet, dass bei den brasilianischen Flughäfen private Betreiber zum Zuge kommen. Im umliegenden Südamerika, wo vor allem in den Andenländern schon größtenteils privatisiert wurde, haben sie bereits als Flughafenbauer Erfahrung sammeln können. Auch Hochtief hat bereits an Flughäfen in Südamerika mitgebaut und Fraport betreibt in Lima den Flughafen. Fluggesellschaften wie die in Brasilien führende TAM würden gerne eigene Abfertigungsanlagen auf den bestehenden Flughäfen bauen, konnten sich damit jedoch bei der Regierung nicht durchsetzen.

Völlig überraschend kam deshalb die Ankündigung des Verteidigungsministers Nelson Jobim, dass der internationale Flughafen Rio de Janeiros ("Galeão") sowie der überwiegend für Frachtverkehr genutzte Airport Viracopos, rund 100 Kilometer entfernt von São Paulo, als erste der Privatwirtschaft übergeben werden sollen. "Die politische Entscheidung ist bereits gefallen, jetzt müssen die technischen Details diskutiert werden", sagte Jobim. Bis März 2009 soll die staatliche Entwicklungsbank BNDES das Modell für die Ausschreibung der Flughäfen festlegen.

Der Grund, warum die Regierung des Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva nach jahrelangem Zögern über ihren eigenen Schatten springen kann und private Investoren federführend zum Zuge kommen lassen will, sind zwei Großereignisse: 2014 wird in Brasilien die Fußballweltmeisterschaft stattfinden. Außerdem hat sich Rio de Janeiro dafür beworben, zwei Jahre später die Olympischen Spiele auszurichten. Nur wenn der gigantische Nachholbedarf in der Infrastruktur bald abgearbeitet wird, kann Brasilien die Organisation einer solchen Massen-Veranstaltung stemmen. So war es auch der Gouverneur von Rio de Janeiro, der schon lange Druck gemacht hat, dass endlich private Investoren in die Flughäfen investieren können.

Denn der Grund, weshalb die immer stärker überlasteten brasilianischen Flughäfen kaum modernisiert werden, ist die staatliche Aufsichtbehörde Infraero: Der dem Verteidigungsministerium unterstellte Betreiber von 67 föderalen Flughäfen gilt als unterkapitalisiert, ineffizient und wegen der politischen Einflussnahme auch als notorisch korrupt. Die Regierung Lula hat überlegt, die Behörde an die Börse zu bringen, um die Transparenz und Kapitalausstattung zu erhöhen. Doch eine Analyse durch den BNDES kam zu dem Schluss, dass sich kein privater Investor an der Infraero in der heutigen Form beteiligen werde. Da es lange dauern würde, die Braut schön zu machen für den Börsengang, hat die Regierung nun entschieden, kurzerhand die Flughafenmodernisierung den privaten Konzerne zu übergeben - wogegen die Infraero-Angestellten jetzt Protest eingelegt haben, weil sich durch den Verlust der Einnahmen der zwei Flughäfen ihr Budget um etwa 20 Prozent verringern würde.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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