Produktpiraterie
Wie Fälschungen der Wirtschaft schaden

Produktpiraterie ist ein Milliardengeschäft – und tut den ehrlichen Unternehmen weh. Wie groß der Schaden durch billige Kopien ist, lässt sich kaum beziffern. Die wichtigste Rolle im Kampf gegen Fälscher spielt der Zoll.
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DüsseldorfEine billige Luxusuhr aus Rom, eine perfekt imitierte Handtasche aus Paris oder ein billiges T-Shirt mit Markenlogo aus Mallorca: Gefälschte Ware wird gerade in der jetzt startenden Urlaubszeit in Massen verkauft. Doch die Fälscher beschränken sich nicht auf die beliebten Urlaubsziele. Längst ist die Produktpiraterie, wie das professionelle Kopieren von Waren genannt wird, ein Milliardengeschäft geworden – und fügt der Wirtschaft jedes Jahr massiven Schaden zu. Der Tag des geistigen Eigentums am heutigen 26. April, ausgerufen von der Weltorganisation für geistiges Eigentum (WIPO), soll an die Bedeutung des Urheberrechts und dessen Schutz erinnern.

Wie groß der Schaden durch Missbrauch von geistigem Eigentum tatsächlich ist, ist schwierig festzulegen. Zu hoch ist die Dunkelziffer von gefälschten Produkten, die nicht aufgespürt werden. Eine Studie des Europäischen Patentamtes und des Harmonisierungsamtes für den Binnenmarkt aber zeigt die Dimension, um die es geht: 40 Prozent der gesamten Wirtschaftsaktivität und 35 Prozent aller Arbeitsplätze in Europa entfallen auf Branchen, für die das Urheberrecht eine hohe Bedeutung hat. Anders gesagt: 4,7 Billionen Euro Umsatz und 77 Millionen Jobs sind in Europa von der Produktpiraterie gefährdet.

Von dem Problem sind viele Branchen betroffen. Beispiel Textilindustrie: Sieben bis zehn Prozent der weltweit verkauften Textilien seien Fälschungen, zeigt eine Studie von Tesa Scribos, einem Spezialisten für Markenschutz.

Auch vor komplizierten Maschinen schrecken Fälscher nicht zurück. Der Maschinen- und Anlagenbau beklagte jüngst, dass Produktpiraterie die Branche jedes Jahr rund acht Milliarden Euro Umsatz koste, das entspricht gut 30.000 Arbeitsplätzen. Im Extremfall kosten Fälschungen auch Menschenleben: Nachgemachte Medikamente, Auto- oder Flugzeugteile minderer Qualität können lebensbedrohliche Folgen haben.

Das illegale Geschäft lohnt sich: Die Fälscher schenken sich den aufwendigen Entwicklungsprozess und kopieren direkt das fertige Produkt. Dabei sparen sie bei Material, Qualität und Zeit. Teilweise sehen die Fälschungen exakt wie die Originale aus – nur der Name ist anders. Die eigentlichen Urheber können ihre teureren Produkte nicht mehr so gut absetzen und verlieren an Umsatz.

Entsprechend lohnt sich ein Kampf gegen die Fälscher. Eine wichtige Rolle nimmt dabei ein: der Zoll. Denn wenn die gefälschten Produkte erst einmal in Europa im Umlauf sind, können sie sich dank des ungehinderten Warenverkehrs frei bewegen. Eine effektive Bekämpfung klappt also am besten an den Außengrenzen. „Wir haben die höchsten Werte an Aufgriffen am Flughafen“, erklärt Gerd Plinz vom Hauptzollamt Köln. „Dazu kommen Aufgriffe aus dem Postverkehr. Das sind meist gefälschte Produkte, die über das Internet im Ausland bestellt wurden.“

Der deutsche Zoll hat im Jahr 2013 insgesamt 3,9 Millionen gefälschte Produkte im Wert von 134 Millionen Euro aufgegriffen – so viele wie noch nie. Mittel zur Bekämpfung gibt es viele: In der Datenbank IPM Connected der Weltzollorganisation WCO können Zollmitarbeiter per Smartphone Informationen anfordern, ob ein Produkt nun echt oder gefälscht ist. Mehr als 550 Marken sind in der Datenbank vertreten. Dazu gibt es seit dem 1. Januar eine neue EU-Verordnung zur Produktpiraterie. Die besagt, dass der Zoll gefälschte Ware vernichten darf. Früher war das nur nach Antrag vom Rechtsinhaber möglich.

Eine wichtige Rolle im Kampf gegen Fälscher spielen auch die Kunden. „Viele Verbraucher sind sich bewusst, dass die Ware gefälscht ist, und nehmen es billigend in Kauf“, erklärt Günter Hörmann von der Verbraucherzentrale Hamburg. Das bestätigt eine Studie von TNS Infratest: 36 Prozent der Deutschen seien bereit, gefälschte Ware zu kaufen, wenn sie dadurch Geld sparen können. Bei den jungen Erwachsenen sind es sogar fast zwei Drittel. „Andere wiederum merken nicht, dass sie Fälschungen kaufen“, sagt Hörmann. „Diese Verbraucher müssen wir besser informieren.“

Allerdings zeigt die Studie von TNS Infratest auch, dass sich viele der Bedeutung von geistigem Eigentum bewusst sind: 97 Prozent finden, dass Urheber geschützt und für ihre Arbeit bezahlt werden müssen. 

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