Protestwelle wegen „Expedit“-Aus
Wohnst du noch oder ärgerst du dich schon?

Eine bessere Werbung kann sich wohl kein Unternehmen wünschen. Der Möbelhersteller Ikea will ein Regal aus dem Sortiment nehmen – und der lautstarke Protest im Internet sorgt für viel kostenlose Aufmerksamkeit.
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DüsseldorfEs ist wohl das erste Mal, dass ein Alltagsgegenstand wie ein Regal zu organisiertem Widerstand im Internet führt. Derzeit gibt es im Netz vermutlich mehr Bilder von bunten Regalmetern voller Vinyl-Schallplatten als die sonst allgegenwärtigen Katzenbilder. Denn eine Institution ist in Gefahr – das „Expedit“-Regal vom schwedischen Möbelriesen Ikea.

Ab 12,99 Euro ist bislang der Einstieg in diese recht günstige Lösung der Schallplattenregale möglich. 150 Euro kostet das Wohnzimmerwand-große Regal mit 25 Fächern. Expedit ist schlicht, eckig, modular und passt eigentlich in jede Wohnung. Okay, die Qualität ist die übliche, mehr als drei Umzüge sind ohne Sanierungsarbeiten schwierig. Dennoch ist das schlichte Möbelstück eines der beliebtesten im Lande und sein von Ikea angekündigtes Ende versetzt nicht nur Vinylsammler in Aufregung.

Seitdem bekannt wurde, dass Ikea das Regal aus dem Sortiment nehmen will, wurden Facebook-Gruppen gegründet, Blogartikel geschrieben und auf allen möglichen Kanälen dem Ärger Luft gemacht. „Rettet das Expedit Regal“, heißt eine Gruppe bei Facebook. Mehr als 8800 Menschen haben sich organisiert, äußern Protest, tauschen Fotos und Erinnerungen aus. Auch beim Kurznachrichtendienst Twitter ergibt die einfache Suche nach „Expedit“ Tausende Ergebnisse in allen Sprachen.

So mancher Kommentator will da schnell noch ein Regal „auf Vorrat“ kaufen.

Dieser Herr will am liebsten eine Petition unterzeichnen.

Was viele der aufgeregten Regalliebhaber anscheinend übersehen: Das Ende der Welt ist doch nicht so nahe, wie es scheint. Es wird einen Nachfolger für „Expedit“ geben. Ein näherer Blick auf erste Bilder lässt wundern, denn „Kallax“ sieht eigentlich genau aus wie „Expedit“. Lediglich der massive Außenrahmen ist ein wenig schlanker, die Farbauswahl etwas bunter. Deswegen ist man bei Ikea vom Protest auch ziemlich überrascht. „Es ist ein ganz normaler Wechsel im Rahmen unserer Sortimentsentwicklung“, sagt Sprecherin Sabine Nold. Im Servicecenter gebe es relativ wenige Anrufe zu dem Ende des Modells.

Trotzdem beschert der Modellwechsel immense Aufmerksamkeit – kostenlos. Das bemerkt auch Twitternutzerin Maria.

Derartige Anschuldigungen weist Ikea selbstredend weit von sich. Doch der Konzern versucht, zu beschwichtigen und geht in die Offensive. Recht humorvoll veröffentlicht Ikea auf seiner Facebook-Seite ein schwarzes Bild. „Total doof, wir haben gerade mal KALLAX draußen aufgebaut. Sieht genauso aus wie EXPEDIT“, heißt es da.

Auch das de-bug-Magazin aus Berlin nimmt den Modellwechsel eher mit Humor als mit Schrecken zur Kenntnis. In einem augenzwinkernden Bericht über vermeintlich „geleakte“ Bilder des „Expedit“-Nachfolgers „Kallax“ werden die himmelschreiend ungerechten Unterschiede zwischen beiden Modellen anhand der Regalmaße geschildert. Unterschied: zwei Zentimeter Außenmaß bei gleichem Innenmaß. Wohl noch nie haben zwei Zentimeter in der Möbelwelt für so viel Aufregung gesorgt.

Vermutlich wird die „Expedit“-Affäre so enden, wie viele Empörungswellen im Netz davor: Die Katzenbilder werden bald wieder die Oberhand gewinnen.

Till Simon Nagel
Till Simon Nagel
Handelsblatt Online / Freier Mitarbeiter

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