Prüfer vom Rhein überwachen Qualität und geben Tipps zur Verbesserung
Tüv drückt Indien seinen Stempel auf

Schnaufend und ratternd schiebt sich der rostige Laster durch das Verkehrsgewühl in der Millionenstadt Bangalore. Das Fahrerhaus gleicht in Aussehen und Luftwiderstand einer Schrankwand aus den Siebzigern. Nur nagt statt Holzwürmern der Rost am hässlichen Kasten. Die Bremsen quietschen verdächtig, und dass die Reifen jemals Profil hatten, ist reine Spekulation.

BANGALORE. Was in Deutschland jeden Tüv-Prüfer sofort zu seinem Schaber greifen ließe, um die Plakette vom Nummernschild zu kratzen, lässt Trygve Höppner kalt. Da es in Indien keine Hauptuntersuchung gibt, widmet sich der Leiter der indischen Dependance des Tüv Rheinland Wichtigerem. Der Mann mit dem norwegischen Vornamen bringt indischen Unternehmen seit zwei Jahren bei, was Qualität heißt. Seit sich Indien geöffnet hat, steigen die Ansprüche. Wer schlechte Waren liefert, kommt mit dem Ausland nicht ins Geschäft und verliert im Inland Marktanteile.

1996, als der Tüv Rheinland sein erstes Büro in Indien eröffnet hat, sah die Situation ganz anders aus. Das Entwicklungsland war ein abgeschotteter Markt. Die Unternehmen – bis heute noch vielfach in Staatsbesitz – wurschtelten vor sich hin und machten keine Anstalten, gute Waren zu produzieren. Es fehlte der Druck von außen und nicht zuletzt auch das Geld, um Hochwertiges zu schaffen. Die Inder waren froh, dass sie überhaupt etwas herstellen konnten. Nun sind die Autobauer gezwungen, ihre Produkte konkurrenzfähig zu machen.

Doch es fehlt technisches Wissen und das Bewusstsein für Qualität. Von Iso-Normen und Zertifikaten, den weltweit anerkannten Güte- nachweisen, haben viele indische Unternehmen noch nie etwas gehört. Tüv-Repräsentant Höppner und sein 70-köpfiges Team leisten Pionierarbeit. „Wir sind Kulturvermittler“, sagt er.

Was wie Wohltäterei klingt, ist ein lukratives Geschäft. Denn mit der einmaligen Kontrolle von Produkten und Arbeitsprozessen ist es nicht getan. Will ein Unternehmen dauerhaft das begehrte Iso-Zertifikat als Aushängeschild führen, wird es immer wieder unter die Lupe genommen. Gerade bei den Rheinländern ist das kein billiges Vergnügen. Sie zählen zu den teuren Prüforganisationen. „Weil wir genau hingucken“, sagt Höppner. Der Ruf der Deutschen, absolut korrekt zu sein und streng nach Vorschrift zu arbeiten, zahlt sich aus. Zwei Mill. Euro setzt der Tüv Rheinland in Indien um; in drei Jahren soll es doppelt so viel sein.

1 500 aktive Kunden hat die Prüforganisation inzwischen in Indien. Sie werden von acht Standorten aus betreut. Außer dem Chef sind alle Mitarbeiter Inder – zumeist Ingenieure, die jahrelang selbst in der Industrie gearbeitet haben und die Marotten in den Fabriken und Büros kennen. Der Tüv hat sie nach deutschen Standards weitergebildet. Nun schulen sie ihre Landsleute, schauen ihnen bei der Arbeit auf die Finger oder nehmen ihre Produkte im Testlabor auseinander.

Obwohl er die Finger in die Wunden legt, wird Tüv-Prüfer Srinivas Chakravarty bei seinen Visiten in den Fabriken nicht selten wie ein Freund empfangen. „Srinivas hat uns ein großes Stück nach vorne gebracht“, sagt N. Pandurangan, Geschäftsführer von TTK Prestige. Mit einer Million produzierter Schnellkochtöpfe jährlich ist der 600-Mitarbeiter-Betrieb Marktführer in Indien. „Unsere Qualität ist heute um Längen besser als noch vor zehn Jahren“, versichert Pandurangan. Dabei sind es immer nur Kleinigkeiten, die Prüfer Chakravarthy bei seinen Stichproben zu bemängeln hat. Manchmal klemmt der Deckel, manchmal ist eine Kante nicht sauber gearbeitet. Der Mann vom Tüv nimmt jede Lieferung, die nach Europa geht, unter die Lupe. Von den peniblen Kontrollen für die Export-Ware profitiert TTK auch im Inland, berichtet der Chef: „Viele meiner Landsleute haben mittlerweile die ausländische Qualität gesehen und geben sich nicht länger mit weniger zufrieden.“

Nicht immer kommen die indischen Unternehmen aber ganz freiwillig zum Tüv Rheinland. Ab und zu schauen die Prüfer im Auftrag des deutschen Kunden nach dem Rechten, so wie bei Sundram Fasteners. In der Fabrik in Bangalore produzieren 450 Mitarbeiter diverse Motorteile. Zu den Abnehmern in Deutschland zählen ZF, MTU und die Deutz AG. Letztere war nicht zufrieden mit dem, was die indischen Werkshallen Richtung Köln verließ. Ein verwinkeltes Metallteil hielt den enormen Belastungen im Motor nicht stand; eine Zunge brach ab. Unter Anleitung der Tüv-Prüfer optimierten die indischen Ingenieure den Materialmix und unterziehen seitdem jedes Teil vor Auslieferung einem Belastungstest. Das war vor drei Monaten. Inzwischen wandert nur noch jedes 1666. Teil in den Schrott. Was per Container in Köln ankommt, ist einwandfrei.

Trygve Höppners Qualitätsoffensive trägt Früchte. Parallel zur indischen Wirtschaft wächst der Tüv. Nur in einen Bereich will er auf keinen Fall expandieren: in die Hauptuntersuchung für Fahrzeuge. „Sollte der indische Staat so was jemals einführen, dann ohne mich. Viel zu viel Bürokratie.“

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