Prüfer warnen vor Bilanzrisiken
IFRS könnte Kursstürze auslösen

Die Kritik an den neuen internationalen Rechnungslegungsvorschriften wächst. Nach etlichen deutschen Professoren warnen nun auch Wirtschaftsprüfer vor den Risiken, die in den IFRS (International Financial Reporting Standards) liegen.

FRANKFURT. Als größten Stolperstein sehen sie die enormen Freiheiten bei der Bewertung, die Bilanzpolitik Tür und Tor öffnen. Das konterkariere das wichtigste Ziel der Reform, die Vergleichbarkeit der Abschlüsse zu erhöhen.

Gerd Willi Stürz, Vorstandsmitglied bei Ernst & Young (E&Y) in Stuttgart, befürchtet, dass die erheblichen Änderungen der Wertansätze in den Bilanzen, die nach den neuen Regeln möglich sind, zu Fehlinterpretationen bei den Marktteilnehmern führen können. „Und die könnten sich sogar in stürzenden Aktienkursen auswirken“, warnt er. Seine Empfehlung: Die Unternehmen müssen die Bewertungen „ausführlich erläutern“.

Das gilt nach Meinung der E&Y-Prüfer vor allem für die Ermittlung des so genannten „Fair Value“ – des „fairen Wertes“. Bislang stützt sich die Bewertung so weit wie möglich auf Kriterien wie Markt- oder Anschaffungspreis. Doch nicht einmal fünf Prozent aller Vermögenswerte haben einen Fair Value im Sinne eines Marktpreises, da sie nur unternehmensspezifisch eingesetzt werden, sagt Karlheinz Küting, Chef des Instituts für Wirtschaftsprüfung an der Uni Saarbrücken.

Geht es nach den Vorstellungen vieler Mitglieder des IFRS-Normgebers IASB (International Accounting Standards Board in London), kommen zunehmend mathematische Modelle auf der Basis von Annahmen über die künftige Entwicklung von Zinsen, Preisen oder anderem ins Spiel. „Die mathematische Bewertung schafft schöne Fair-Value-Zahlen, aber keine Grundlage für die Anlage-Entscheidung“, sagt Stürz. Marginale Veränderungen beispielsweise des Zinssatzes bei der Bewertung langfristiger Verbindlichkeiten könnten enorme Wertschwankungen herbeiführen.

Auch Thomas Beermann, Leiter des IFRS-Competence-Centers bei RWE, sieht konkrete Probleme: Laut IFRS seien zum Beispiel auch langfristige Ölderivate zum Fair Value zu bewerten. Da es für die aber keinen Markt gibt, müsse man Bewertungsmodelle anwenden, die auf Einschätzungen der fernen Zukunft basieren. „Das sehen wir schon mit Bauchschmerzen.“ In der deutschen HGB-Bilanz werden dagegen solche Positionen meist nicht erfasst.

Problematisch wird es für Beermann, wenn auf Aktiv- und Passivseite der Bilanz miteinander verknüpfte Posten betroffen sind, die unterschiedlich bewertet werden. Etwa Emissionsrechte, die als Aktiva zu Anschaffungskosten bewertet werden sollten, denen aber Rückstellungen für die spätere Rückgabe zum Fair Value gegenüberstehen sollten. In dem Fall hat das IASB gerade einen Rückzieher gemacht. Generell neigt es aber dazu, die Diskrepanzen durch die vollständige Umstellung auf Fair Value zu heilen.

Den Trend zur Mathematik erklärt sich E&Y-Vorstand Stürz unter anderem damit, dass das IASB zu einem guten Teil mit Professoren und nicht mit Praktikern besetzt ist. Das Gremium verfolge eine „Salamitaktik, die darauf zielt, in fünf bis zehn Jahren eine ausschließliche Bewertung nach dem Fair Value zu haben“. E&Y befürchtet, dass so eines der großen Ziele der IFRS, die internationale Vergleichbarkeit von Abschlüssen, auf der Strecke bleibt. Mit ihren Einwänden hoffen die Prüfer, das IASB noch rechtzeitig auf einen realitätsnäheren Kurs zu bringen. Küting: „Fair-Value ist was für Vorlesungen und Lehrbücher.“

Nach Stürz’ Meinung lassen schon heute die Bewertungsmöglichkeiten der IFRS den Unternehmen viel Freiheit, ihre Gewinne „zu schüren oder zu dämpfen“. Die Aussichten auf eine objektivere Darstellung sind offenbar geringer als erhofft: „Es wird bleiben wie bisher: Eine gute Bilanz ist meist besser und eine schlechte meist schlechter, als sie aussieht. Und die Diskrepanz könnte noch krasser werden.“ Viele Unternehmen würden wohl ihre Möglichkeiten ausschöpfen, Kontinuität zu erzeugen. Eine Umfrage der französischen Wirtschaftsprüfergruppe Mazars bei börsennotierten Unternehmen hat gezeigt, dass nur 18 Prozent der deutschen Manager mit einer steigenden Volatilität von Ergebnis und Eigenkapital durch die IFRS rechnen.

Nach der Mazars-Studie würde jede zweite deutsche AG am liebsten an den nationalen Normen festhalten. Mazars’ Deutschland-Chef Amand Rufin versteht die Skepsis. Es setze sich die Erkenntnis durch, dass nicht irgendein neues Buchungs-Schema kommt, sondern eine tief greifende Änderung der Methodik. Zudem halte sich die Begeisterung in Grenzen, weil der auf angelsächsischem Fallrecht basierende Standard erheblich umfangreicher ist als das grundsatzorientierte deutsche HGB.

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