Räuberische Aktionäre
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In Deutschland hält eine Clique streitlustiger Aktionäre Firmen in Schach. Die Anteilseigner nutzten jede Lücke des Aktienrechts, um Firmen zu melken. Heute inszenieren sie ihren nächsten Auftritt. Ihr Opfer: der Schweizer Zeitarbeitskonzern Adecco.

Dieter Scheiff ist ein umgänglicher Mensch: die Haare nicht zu ordentlich, das Jackett lieber über der Stuhllehne als über der Schulter, Jazzfan. Früher besaß er mal eine Mao-Bibel. Heute ist er Chef von Adecco, dem größten Zeitarbeitskonzern der Welt. Die Geschäfte laufen rund, und auf Weihnachten mit der Familie könnte sich Scheiff eigentlich freuen.

Doch wer ihn in diesen Tagen am Adecco-Hauptsitz in Zürich erlebt, merkt, dass ihm noch etwas Unangenehmes bevorsteht. Scheiff hat an diesem Donnerstag einen Termin in Düsseldorf. Er muss zur Hauptversammlung des Personaldienstleisters DIS, den Adecco vor zwei Jahren übernommen hat. Und was sich heute abspielen dürfte, das hat Scheiff schon mal erlebt: „Es geht unter die Gürtellinie.“ Mehr mag er in diesen Tagen nicht sagen, Scheiff steht unter Druck. Jedes Wort eines Chefs kann eines zu viel sein, wenn räuberische Aktionäre zum Aufstand blasen, und wenn sie zudem juristisch belesen sind.

Das, was Scheiff heute in Düsseldorf droht, haben auch diverse andere Unternehmen schon in Deutschland erlebt. Eine Clique von Minderheitsaktionären nutzt jede Lücke des Aktienrechts, um Firmen – etwa bei Übernahmen wie im Fall Adecco – zu melken. Wolfgang Clement, Ex-Arbeitsminister von Kanzler Gerhard Schröder und heute DIS-Aufsichtsrat, sieht dringend Handlungsbedarf: „Ich bin schockiert. Das Aktionärsrecht räumt Spielräume ein, die überdacht werden müssen“, sagte er dem Handelsblatt.

Drehen wir die Uhr zurück zum 3. Juni 2006. Im Radschlägersaal der Düsseldorfer Rheinterrassen treffen sich die Aktionäre der Zeitarbeitsfirma „Deutscher Industrie Service“ (DIS) – zum ersten Mal, seit sie vom Kauf ihrer Firma durch Adecco erfahren haben. Sie sind gereizt, hat doch Adecco-Mehrheitsbesitzer Klaus Jacobs, der Ex-Kaffee- und Schokoladenkönig, die Übernahme bereits hinter ihrem Rücken durchgezogen und obendrein den bisherigen DIS-Chef Scheiff zu Adecco gelotst.

83 Prozent hält Jacobs an DIS. Das genügt, um auf dem Aktionärstreffen kurzerhand zu beschließen, die DIS-Aktien von der Frankfurter Börse zu nehmen. Die Rest-Aktionäre fühlen sich erpresst: Schließlich droht ihren Aktien ein Kurseinbruch, sobald sie nicht mehr gehandelt werden. Entsprechend niedrig fällt Jacobs’ Angebot aus. Knapp 56 Euro bietet er pro Aktie – bei einem Kurs von damals 75 Euro. Die Dividende wird, obwohl das Geschäft von DIS sehr gut läuft, von 80 auf fünf Cent verringert.

Das entspricht vielleicht nicht ganz der feinen Bremer Kaufmannsart. Allerdings sind die Aktionäre bei DIS keinen Deut besser als der neue Konzernherr. Gleich nach Beginn torpedieren sie Dieter Scheiff mit Fragen: Ob er sich nicht vor seinen Kindern schäme? Es folgt eine Antragsflut. „Mehr Licht!“ ruft ein Aktionär in den Saal. Der Wortmeldetisch soll besser gekennzeichnet und die Toiletten übersichtlicher beschriftet werden. Auch die Qualität des Buffets gibt Stoff für eine großangelegte Diskussion von Aktionären. Am späten Abend beginnt eine Rednerin auf dem Podium gar, sich zu entkleiden. „Es war wie im Theater“, erinnert sich eine Zuschauerin. „Alles folgte einer festen Regie: Wenn einer sich verausgabt hatte, löste ihn ein anderer ab.“

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