Ratingagenturen
Der schwierige Kampf gegen die großen Drei

Die Macht der angelsächsischen Rating-Agenturen ist enorm. Jetzt versucht ein deutscher Pionier, sie zu brechen. Doch der Weg zu Europas Ratingagentur ist steinig, wie sich jetzt zeigt: Es gibt zu wenige Geldgeber.
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HamburgMarkus Krall ist Europas letzte Hoffnung. Er weiß: Der Kontinent braucht seinen Erfolg. Und so fliegt der Mann von der Unternehmensberatung Roland Berger seit ein paar Wochen quer durch Europa und besucht fast jeden Tag eine Bank, eine Versicherung oder einen Anlagefonds. Fast jeden Tag spricht der 49-Jährige mit einem Vorstandsvorsitzenden, zeigt eine Präsentation und verteilt jede Menge Papier. Das gilt es durchzuarbeiten. Zu erklären.

Immer in der Hoffnung, dass irgendwann im Lauf des Tages der Vorstandsvorsitzende dem Besucher aus Deutschland tief in die Augen schaut und sagt: Wir sind dabei. Wir unterschreiben.

Rund 60 solcher Besuche sind insgesamt anberaumt – und am Ende will Krall rund 30 Unterschriften haben. Jede im Wert von durchschnittlich zehn Millionen Euro. 300 Millionen Euro einzusammeln, das ist Kralls Ziel.

Wie schwierig dieses Unterfangen ist, zeigte sich in dieser Woche: Krall musste zugeben, dass der Start der europäischen Ratingagentur verschoben werden muss. Er habe noch nicht genügend Geldgeber gefunden. Die 300 Millionen Euro sollte ja bis Ende des ersten Quartals aufgetrieben sein – daraus wird nichts. Krall hofft nun, mit dem Projekt im dritten Quartal 2012 an de Start gehen zu können.

Aus dem Nichts eine europäische Rating-Agentur aufzubauen - viele sind in den vergangenen 20 Jahren an diesem Ziel gescheitert. Kralls Versuch ist wahrscheinlich die letzte Möglichkeit für Europa, den drei angelsächsischen Rating-Agenturen etwas entgegenzusetzen, die das Geschäft mit der Kreditwürdigkeit weltweit dominieren: Standard & Poors’s Ratings Services (S&P), Moody’s Investors Service und Fitch Ratings. Die großen drei, wie sie genannt werden.

Beflügelt wird Markus Krall von dem Gefühl, dass die großen drei in Europa kaum noch Freunde haben. In den vergangenen Monaten haben sie allesamt die Bonität mehrerer Staaten auf einmal herabgestuft und Investoren weltweit verschreckt – in einer Zeit, in der die Regierungen hoffen, den Euro endlich zu stabilisieren. Europa wehrte sich: In Italien durchsuchten Ermittler Büros von Rating-Agenturen, ein österreichischer Notenbanker sprach von einer „politischen Aktion“, deutsche Politiker wüteten ob eines „Währungskriegs“ und der „Attacken auf den Euro“.

Mancher witterte eine Verschwörung: Ihr macht Europa kaputt, um den amerikanischen Finanzkapitalismus zu verbreiten. Die EU-Kommission beäugt sogar die Eigentumsverhältnisse bei S&P und Moody’s misstrauisch und will die Agenturen härter regulieren. Die Europäische Zentralbank hat mit ihren Milliarden für Europas Banken für den Moment die Krise des Kontinents entschärft, doch Europas Staaten und ihre Reformen müssen sich weiter dem Urteil der drei stellen, wenn sie sich Geld leihen wollen.

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  • Mit den Ratingagenturen ist es wie mit dem privaten Status der Notenbank FED. Durch die Interessenskonflikte fehlen entscheidende Korrektive. Was in "Friedenszeiten" niemandem auffällt, wird in Krisenzeiten zum global Killer. Die Ratingagenturen haben in der Subprimekrise epochal versagt und damit die Welt an den Abgrund geführt weil die Emissionäre der windigen Finanzprodukte für die Ratings bezahlt haben. Kaum jemand hat die kolossalen Gefahren damals erkannt. Die Lösung wäre nicht so schwierig: Ratingagenturen für ihre Fehler haftbar machen. Eine Ratingagentur, die sich mit Schadensersatzforderungen im 13- oder 14-stelligen Bereich konfrontiert sehen könnte, wird sich ...verändern. In Sachen FED und ihren privaten Eigentümern aus den Reihen der Hochfinanz ist es dasselbe. Es gibt im System kein Korrektiv, das sich den neoliberalen Paradigmen entgegenstellen könnte. Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus (und erhöht die Leitzinsen oder setzt sich für mehr Transparenz oder gar Regulierung ein). Und so kann dieses Karusell niemand mehr anhalten. Einzige Chance: Zerschlagung aller "systemrelevanten" Finanzintermediäre und deren harte, kompromisslose Regulierung über alle relevanten Rechtsräume hinweg. Wir alle wissen: Das wird nicht passieren. Bis zum finalen, globalen Finanzholocaust ist es nur eine Frage der Zeit - und nach diesem Armageddon wird wird nichts, nichts mehr so sein wie es war. Ein Schumpeter mit seiner "kreativen Zerstörung" wird diesem Szenario nur spotten. Intelligente Köpfe aller Disziplinen sollten die Zeit nutzen den day after zu planen. Kompromisskorrektive wie eine europäische Ratingagentur jetzt in dieses System noch einzubauen wird nicht mehr helfen sondern die Lebenszeit nur etwas verlängern und den Super-GAU umso apokalyptischer ausfallen lassen.

  • Schwachsinnige Idee. Als wenn Investoren aus dem Ausland Geld zu günstigen Konditionen verleihen würden wenn die drei Großen ein schlechtes Rating vergeben und die eine europäische Ratingagentur eine Bestnote vergibt. Es geht ohnehin am Ziel vorbei. Es ist unerträglich, dass die Politik über Jahrzehnte mit einem großen Selbstverständnis Schulden angehäuft haben. Ich gehe auch treuhänderisch mit Vermögen Dritter um, da ist Schuldenmachen verpönt. Der Staat hat sich aus seinen Einnahmen zu finanzieren. Eine Kreditaufnahme an den Finanzmärkten ist nicht notwendig. In Europa besteht genügend Power auch ohne Schulden voran zu kommen. Wenn man sich den Bundeshaushalt ansieht sieht man deutlich welche Mittel uns zur Verfügung stünden, wenn wir solide gewirtschaftet hätten.

  • Ungewöhnich tendenziös! Natürlich sind alle gegen die Boten der Hiobsbotschaften - wie immer. Wer von den Politikern will sich schon sagen lassen, daß er/sie und ihre Parteifreunde oder Parteigenossen in der Vergangenheit kläglich versagt und einem Konsum auf Pump das Wort geredet haben. Und bei den vielen Bankern herrschte tatsächlich der Glaube, "wir können mehr als andere und sind unser Geld wert".
    Endlich eine Ratingagentur aus Europa: die kann alles besser und ist viel gerechter und fairer (und kann das Desaster in Griechenland und Co. besser beurteilen!!). Hat irgendjemand wahrgenommen, daß die Ratingagenturen alle in Europa sitzen und mit Europäern arbeiten? Europa gegen die bösen Nordamerikaner - Unsinn!
    Solange es Politiker vom Schlage Stefan Mappus ("ENBW - sichere Anlage"), Kurt Beck ("Nürburgring - ich laß mir doch das gute Investment nicht kapputtreden") Olaf Scholz ("Hapag Lloyd - schnell Anteile von tui kaufen, damit keine anderer kauft" - wer denn?) und Banker von HSH, HRE und Commerzbank gibt, sind die Ratingagenturen nicht das Problem!!

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