Razzien bei Ryanair
Betrug mit Billigpiloten?

Fahnder haben Räume an sechs deutschen Ryanair-Flughäfen durchsucht. Es geht um mutmaßlichen Steuer- und Sozialversicherungsbetrug von Partnerfirmen der Airline – aber auch um das Geschäftsmodell der Iren.

KoblenzDie Staatsanwaltschaft Koblenz und Beamte des Hauptzollamts haben am Dienstag die Geschäftsräume des irischen Billigfliegers Ryanair an sechs deutschen Standorten durchsucht. Wie „Zeit Online“ berichtet, fingen Zollamtsmitarbeiter der Finanzkontrolle Schwarzarbeit für Ryanair fliegende Piloten vor den Crewräumen von sechs Flughäfen ab: Berlin-Schönefeld, Köln, Weeze, Frankfurt-Hahn, Bremen und Baden-Baden.

Die Fahnder befragten die Kapitäne nach ihrem Arbeitsverhältnis und beschlagnahmten Computer, iPads, Einsatzpläne sowie Dokumente. Nach Berichten von Augenzeugen waren mindestens 35 Zollbeamte aus Deutschland und mindestens einer aus den Niederlanden an der bundesweiten Aktion beteiligt.

Wie ein Koblenzer Staatsanwalt „Zeit Online“ auf Anfrage bestätigte, liegt den Durchsuchungen ein Ermittlungsverfahren gegen die Verantwortlichen zweier britischer Personaldienstleister zugrunde, die Piloten an Ryanair vermitteln. Den Firmen wird unter anderem vorgeworfen, Steuern hinterzogen und Piloten Löhne vorenthalten zu haben. Durchsucht wurden auch mindestens zwei Privatwohnungen von Piloten, die Beihilfe zur Steuerhinterziehung und zum Sozialversicherungsbetrug geleistet haben könnten.

Solche atypischen Beschäftigungsverhältnisse sind eine tragende Säule des Geschäftsmodells des irischen Billigfliegers. Indem Ryanair Hunderte formal selbstständige Piloten einsetzt, drückt das Unternehmen die Kosten für das fliegende Personal. Die Koblenzer Staatsanwälte ermitteln bereits seit Jahren gegen den britischen Personaldienstleister Brookfield Aviation, der Piloten an Ryanair ausleiht. Ins Visier gerät nun offenbar auch Brookfiels Wettbewerber McGinley aus dem englischen Watford.

Ryanair beschäftigt einen beachtlichen Teil seiner Piloten sowie mehr als die Hälfte seiner Co-Piloten über ein sogenanntes Contractor-Modell: Die Kapitäne müssen eine Art Ich-AG gründen und Verträge mit Verleihunternehmen wie Brookfield oder McGinley abschließen, ehe sie ins Ryanair-Cockpit steigen dürfen. Nach Informationen von „Zeit Online“ gibt es mindestens 1.600 solcher Arbeitsverhältnisse.

Für den irischen Billigflieger ist dieses Modell extrem kostengünstig. Denn weil die Piloten formal nicht bei Ryanair angestellt sind, müssen sie selbst ihre gesamten Sozialversicherungsbeiträge bezahlen. Zudem haben sie keinen Anspruch auf Krankengeld und werden oft nur nach geflogenen Stunden entlohnt. Dadurch steigt das Risiko, dass sich Piloten krank ins Cockpit setzen.

Ryanair erklärte in einem Statement, das Unternehmen selbst sei nicht von den Ermittlungen betroffen. Das Unternehmen verlange von allen angestellten und vertraglich gebundenen Piloten, ihre Verpflichtungen gegenüber den Steuerbehörden zu erfüllen und werde die Behörden bei ihren Ermittlungen unterstützen. Brookfield Aviation und McGinley Aviation haben zu Anfragen bisher keine Stellung genommen.

Jim Phillips von der Pilotengewerkschaft Cockpit sagte der dpa, es dürfe in einer Branche mit einer so hohen Verantwortung wie der Luftfahrt nicht Verträge geben, die der Umgehung von Arbeitnehmergesetzen dienten. Beschuldigten Piloten sei hier ein womöglich illegales Handeln wohl gar nicht bewusst gewesen. „Aber nach den Durchsuchungen wird es schwieriger mit ihrer Konzentration.“

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
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