Rechtsstreit Richter will kalifornische Kaffeetrinker vor Krebsrisiko warnen

Birgt Kaffee-Konsum ein erhöhtes Krebsrisiko? Ein Richter in Los Angeles jedenfalls will Warnhinweise beim Verkauf anordnen. Die Industrie ist dagegen.
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In einem jahrelang andauernden Rechtsstreit geht es um die Gesundheitsgefahren beim Kaffee-Konsum. Der vorsitzende Richter spricht sich für Warnungen beim Verkauf aus. Die Entscheidung ist noch nicht rechtskräftig. Quelle: AP
Gesundheitsgefahren

In einem jahrelang andauernden Rechtsstreit geht es um die Gesundheitsgefahren beim Kaffee-Konsum. Der vorsitzende Richter spricht sich für Warnungen beim Verkauf aus. Die Entscheidung ist noch nicht rechtskräftig.

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Los AngelesKalifornier könnten demnächst vor dem Krebsrisiko ihres Kaffees gewarnt werden. Geht es nach dem Willen eines Richters in Los Angeles, muss in Cafés in dem US-Westküstenstaat demnächst eine Warnung ausgehängt werden, dass das beliebte Gebräu einen potenziell krebserregenden chemischen Stoff enthalten könnte. Konkret geht es um Acrylamid, das während des Röstens erzeugt wird, im Kaffee bleibt und als Karzinogen bekannt ist.

Die Chemikalie steht im Mittelpunkt eines nunmehr schon achtjährigen Rechtsstreits zwischen einer kleinen gemeinnützigen Gruppe, dem Council for Education and Research on Toxics, und „Big Coffee“ - der Kaffeeindustrie. Die Gruppe will erreichen, dass Acrylamid entweder ganz aus dem Röstungsprozess verschwindet oder auf Etiketten oder Schildern beim Kaffeeverkauf vor dem möglichen Krebsrisiko gewarnt wird.

Im Jahr 2010 hat sie deshalb Starbucks und 90 andere Unternehmen verklagt, die Kaffee herstellen oder verkaufen. Ein ähnlicher gerichtlicher Vorstoß gegen Kartoffelchips- und Pommesproduzenten hatte in der Vergangenheit Erfolg: Acrylamid in den Produkten wurde verringert oder ganz verbannt. Auch im Rechtsstreit um den Kaffee haben einige Firmen bereits eingelenkt und sich zu Warnungen bereit erklärt. Andere, darunter Starbucks, warteten die Gerichtsentscheidung ab. Sie argumentieren, dass die Mengen der Chemikalie im Kaffee nicht schädlich und die positiven Wirkungen des Getränks größer seien als etwaige Risiken.

Richter Elihu Berle entschied jedoch am vergangenen Mittwoch, dass die Kaffeehersteller im Prozess ihre Auffassung nicht überzeugend untermauert hätten. Während von den Klägern Beweise dafür vorgelegt worden seien, dass Kaffeekonsum das Risiko von Gesundheitsschäden für Föten, Kleinkinder, Kinder und Erwachsene erhöhe, „haben die Angeklagten ihre Beweislast nicht erfüllt (...), dass der Genuss von Kaffee einen Nutzen für die menschliche Gesundheit hat“.

Der Richterspruch ist aber noch nicht rechtskräftig. Die Angeklagten haben ein paar Wochen Zeit, es anzufechten und ein Berufungsgericht einzuschalten. Bleibt es aber dabei, könnten den Unternehmen deftige finanzielle Zivilstrafen drohen – bis zu 2500 Dollar für jede Person, die im Zeitraum von acht Jahren jeden Tag Acrylamid im Kaffee ausgesetzt war. Allerdings gilt eine derart astronomische Summe in Kalifornien, das fast 40 Millionen Einwohner hat, als unwahrscheinlich.

Die Klage erfolgte auf der Basis eines Gesetzes, das 1986 per Volksentscheid gebilligt worden war. Besser als Proposition 65 bekannt, verlangt es Warnhinweise für etwa 9000 Chemikalien, die Krebs oder Geburtsschäden erzeugen können. Privatbürgern, Interessengruppen oder Anwälten ist es gestattet, Klage im Namen des Staates Kalifornien einzureichen und einen Teil der Zivilstrafen für Missachtungen der Warnvorschrift einzustreichen.

Tatsächlich hat das Gesetz bewirkt, dass Acrylamid aus einer Reihe von Produkten verschwunden ist. Aber es gibt auch Kritik, dass Firmen unter dem Druck drohender drakonischer Strafen zu raschen Vergleichen genötigt würden - und andere von dem Geld profitierten.

Die Klage gegen die Kaffeeindustrie habe die Proposition 65 zu einem Gespött gemacht, Verbraucher verwirrt und nichts dazu beigetragen, die öffentliche Gesundheit zu verbessern, kritisiert William Murphy, Präsident und Topmanager der National Coffee Association, des nationalen Kaffeeverbandes. Es sei erwiesen, dass Kaffee ein gesundes Getränk sei.

Tatsächlich sind wissenschaftliche Erkenntnisse in Sachen Kaffee in der Vergangenheit mal in die eine, mal in die andere Richtung gegangen. Aber in der jüngsten Zeit haben sich Besorgnisse über mögliche Gefahren abgeschwächt. Einige Studien sehen gar einen gesundheitlichen Nutzen. Die für Krebsbekämpfung zuständige Behörde der Weltgesundheitsorganisation WHO nahm Kaffee 2016 von der Liste „möglicher Karzinogene“.

Nach ihren Angaben deuten Studien auf eine Unwahrscheinlichkeit hin, dass Kaffee Brust-, Prostata- oder Bauchspeicheldrüsenkrebs erzeuge. Kaffee scheine zudem das Risiko von Leber- und Gebärmutterkrebs zu senken. Zu etwaigen Auswirkungen bei Dutzenden anderen Krebsarten gibt es bisher keine ausreichenden Erkenntnisse.

Kaffeehersteller argumentieren, dass eine Entfernung von Acrylamid aus ihrem Produkt nicht möglich sei, ohne den Geschmack zu ruinieren. Aber Anwalt Raphael Metzger, der die Klage im Namen des Council for Education and Research on Toxics einreichte und selber ein paar Tassen am Tag trinkt, widerspricht. „Ich bin fest überzeugt: Wenn die Kartoffelchipsindustrie es kann, kann es die Kaffeeindustrie auch“, sagt Metzger.

Eine Warnung hält er für nicht so effektiv, weil es so viele Menschen gebe, die süchtig nach Kaffee seien. Tatsächlich nehmen Kunden in Cafés, die bereits Warnschilder haben, diese oft gar nicht zur Kenntnis - oder es kümmert sie nicht. So sagten nachmittägliche Kaffeetrinker bei einem Starbucks in Los Angeles, sie würden sich nach dem Gerichtsurteil vielleicht ein bisschen informieren - aber am Ende werde wahrscheinlich ihre Schwäche für Kaffee gewinnen.

„Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass es mich aufhalten würde“, sagt etwa Marketing-Technologin Jen Bitterman. „Ich liebe den Geschmack. Ich liebe das Ritual. Ich liebe das Hoch, die Energie, und ich glaube, ich bin süchtig.“

Kommt es nach dem Urteil wirklich zu den Warnungen, dann sind vielleicht nicht nur Kaliforniens Kaffeetrinker damit konfrontiert. Angesichts des ausgedehnten kalifornischen Markts könnte es schwierig sein, Verpackungen mit Warnhinweisen speziell auf Läden oder Cafés allein in diesem Bundesstaat zuzuschneiden. Auch anderswo könnten Kaffeeliebhaber dann auf das Acrylamid hingewiesen werden.

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