Reportage
Das Buch der Narren

Das Telefonbuch wird 125 Jahre alt. Die erste Ausgabe enthielt knapp 200 Einträge. Heute liegt die Auflage deutschlandweit bei 32 Millionen Exemplaren. Die neue Konkurrenz aus dem Internet hat dem Zahlenwerk bislang kaum geschadet. Eine Handelsblatt-Reportage über eine Erfolgsgeschichte.

BONN. Er ist ein angesehener und wohlhabender Mann. Das, was man eine Persönlichkeit nennt: der Herr Geheimer Baurat Dipl. Ing. Emil Rathenau, der später in die Geschichte eingehen wird als der, der aus dem Nichts den Weltkonzern AEG aufbaute. Im Berlin des Jahres 1881 gehört er zu den Menschen, über die man sich lustig macht, die Spott und Häme ernten, weil sie auf einen teuren Schwindel aus Amerika hereingefallen sind: das Telefon, eine dubiose Angelegenheit, die bis zu 200 Reichsmark jährlich kostet. Wer dafür Geld ausgibt, muss schon ein Narr sein.

Der ersten amtlichen Liste mit den Rufnummern aller Telefonbesitzer in der Hauptstadt, dem „Verzeichnis der bei der Fernsprecheinrichtung Betheiligten“, wie es offiziell genannt wird, geben die Berliner daher einen eigenen Namen: „das Buch der Narren“ heißt es im Volksmund. Das schmale Heftchen, gerade mal 28 Seiten, erscheint im Sommer 1881, fünf Jahre nach der Erfindung des Telefons durch Alexander Graham Bell, vier Jahre nachdem Reichskanzler Otto von Bismarck den Ausbau eines Telefonnetzes genehmigte. Das „Buch der Narren“ enthält zunächst knapp 200 Einträge – von A wie Abgeordnetenhaus, Rufnummer 95, bis Z wie Ziesch & Co, einer Tapisserie-Manufaktur, Rufnummer 72. Emil Rathenau ist unter der 396 erreichbar.

Damit beginnt die Geschichte des Telefonbuchs vor 125 Jahren. Heute hat das Berliner Rufnummernverzeichnis 1,1 Millionen Einträge und ist das umfangreichste aller 125 Regionalausgaben. Insgesamt haben Telefonbücher deutschlandweit eine Auflage von 32 Millionen Exemplaren, da kommen hier zu Lande nicht einmal die Bibel oder Harry Potter ran.

Wenn die Deutsche Telekom, die das Werk herausgibt, heute das Jubiläum des Telefonbuchs feiert, dann geht es nicht allein um das auflagenstärkste Buch. Es geht auch um ein weltweit wohl einzigartiges Geschäftsmodell, bei dem der Bonner Konzern mit einer Vielzahl regionaler Verlage kooperiert. Und es geht um ein Produkt, das zwar bis heute stabile Umsätze und Renditen liefert, aber im Internetzeitalter zunehmend antiquierter erscheint.

Vor 125 Jahren hatten die Telefonbuchmacher indes noch ganz andere Sorgen: Sie mussten den Nutzern die neue Technik erst einmal nahe bringen. Daher enthielt das erste Telefonbuch eine Gebrauchsanleitung: „Zu einer guten Verständigung ist kein sehr lautes, wohl aber ein deutliches und nicht zu langsames Sprechen erforderlich.“ Es folgte eine schrittweise Anweisung, was genau zu tun ist, wenn „Theilnehmer A mit Theilnehmer B“ zu sprechen wünscht und die Damen von der Vermittlung sich melden: „Hier Amt, was beliebt?“

Zunächst sind es Banken, Fabriken und Geschäfte, die sich die „Fernsprecheinrichtung“ leisten, doch schon bald entdecken auch Privatleute die Vorteile. Sieben Jahre nach Erscheinen des ersten Telefonbuchs gibt es in Berlin mehr Telefonanschlüsse als in jeder Stadt der Vereinigten Staaten, schreibt die Historikerin Gerhild Komander in dem Buch „1881 Berlins erstes Telefonbuch“. So mancher, der damals eingetragen war, findet sich auch im heutigen Verzeichnis wieder, zum Beispiel das Abgeordnetenhaus (statt 95 hat es die Rufnummer 23 250) und das Edel-Restaurant Borchardt (statt 69 hat es die Nummer 81 88 62 62).

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