Reportage
Ganz allein gegen den Kreml

Einmal im Monat spendiert er Bier vom Fass. Zwischendurch gibt es kleine Geschenke – eine neue Uniform oder was man sonst noch an Ausrüstung im Kampf gegen Kriminalität gebrauchen kann. Franz Sedelmayer weiß, wie er seine Geschäfte ankurbeln kann.

Ein Ausbildungs- und Trainigszentrum für Sondereinsatztruppen und Mitarbeiter von Sicherheitsdiensten hat er in St. Petersburg gegründet – Anfang der 90er-Jahre, als das kommunistische System in Osteuropa zusammenbrach.

Sedelmayers Geschäfte laufen gut. Sein Unternehmen entwickelte sich „zum Treffpunkt von Spionen, die dort Informationen austauschten“, erzählt der heute 42-Jährige. Das abrupte Ende kommt 1994. Sedelmayer wird enteignet.

Was dann kommt, ist eine Neuauflage des Kampfes David gegen Goliath. Und bislang endet die Geschichte auch so wie im Alten Testament. Sedelmayer hat nach zehn Jahren Rechtsstreit einen Sieg gegen den Kreml errungen: Das Landgericht Köln sprach ihm im Februar den lange geforderten Schadensersatz in Millionenhöhe zu – in Form eines Gebäudekomplexes im Kölner Westen. Der gehört der russischen Regierung. Heute leben dort russische Flüchtlinge. Zwischendurch dienten die Häuser aber dem Geheimdienst KGB als Stützpunkt.

Mit enormer Beharrlichkeit und intensiver Detektivarbeit ist es Sedelmayer gelungen, einen Gegner in die Knie zu zwingen, an dem viele andere westliche Unternehmer gescheitert sind. So versuchen der kanadische Edelsteinanbieter Archangel Diamond Corp. oder die US-Sandwichkette Subway bis heute, eine Entschädigung zu bekommen für Vermögen, das sie verloren haben – durch ihrer Ansicht nach vollkommen unbegründete und willkürliche Entscheidungen der russischen Behörden. Sobald eine Investition sich zu rentieren begann und wertvoll wurde, sei man enteignet worden – so die Klage westlicher Firmen, die ähnlich wie Sedelmayer Anfang der 90er-Jahre nach Russland gingen.

Der Kampf des Münchener Unternehmers um Gerechtigkeit gebe heute einen guten Thriller ab mit viel Action und Spannung. So widersetzte sich Sedelmayer bereits in Sankt Petersburg mit allen Mitteln der vom damaligen Präsidenten Russlands, Boris Jelzin, unterschriebenen Verfügung, das Firmengelände zu räumen. Sein eigener Sicherheitsdienst half ihm dabei. Selbst als eine Kampftruppe das Gebäude stürmte, gab sich Sedelmayer nicht geschlagen. Erst als er nach Deutschland flog, um seine im Sterben liegende Großmutter zu besuchen, nutzte die Gegenseite die Gelegenheit und beschlagnahmte das Firmengebäude. Es sollte zu Jelzins Residenz in Sankt Petersburg ausgebaut werden. Sedelmayers Unternehmen wurde liquidiert.

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