Reportage
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Vor kurzem schien das pädagogische Paradies des „Lyceum Alpinum“ im schweizerischen Zuoz bedroht: Immer weniger Schüler besuchten das Internat und sorgten so für schwindende Einnahmen. Eine Handelsblatt Reportage darüber, wie sich das Lyceum Alpinum, an dem einst auch VW-Legende Ferdinand Piëch sein Abitur baute, zurück in die schwarzen Zahlen kämpft.

ZUOZ. Ihren Hauptsitz hat die Firma idyllisch in den Bergen des Engadin, 20 Autominuten von St. Moritz entfernt. Die roten Waggons der Rätischen Eisenbahn halten bei 1 695 Meter „Schwellenhöhe“ – und zwar nicht nur „auf Verlangen“, wie bei der Station vorher und nachher, sondern ganz regulär –, ein Indiz, dass hier in Zuoz für Engadiner Verhältnisse viel Verkehr herrscht.

Mit 120 Mitarbeitern ist das Unternehmen, dessen Zentrale schlossgleich über dem Alpendorf thront, der größte Arbeitgeber der Region. Es produziert Bildung. Seine Kunden sind Schüler, deren Eltern 40 000 Euro und mehr dafür zahlen, dass der Nachwuchs einen ordentlichen Schulabschluss hinlegt.

Bis vor kurzem jedoch schien das pädagogische Paradies bedroht: Immer weniger Schüler mochten im Lyceum Alpinum pauken, und eine Verkürzung der Schulzeit ließ einen gesamten Jahrgang verschwinden.

Vor zwei Jahren installierte der Aufsichtsrat einen neuen Firmenchef. Seine Aufgabe: den Turn-around schaffen. Direktor Beat Sommer ist ein Mann mit schmalen Händen, lebhaften braunen Augen und einem vom Glattrasieren wunden Hals. Er kommt gerade von einer Roadshow bei den „Old-Boys“ zurück, wie die Ehemaligen von Zuoz genannt werden. Viele von ihnen sind Aktionäre des Lyceums. „Sie akzeptieren, dass sie sich nicht mehr ins Tagesgeschäft und in strategische Entscheidungen einmischen können“, sagt Sommer.

Das klingt so, als sei das nicht immer so gewesen.

12.30 Uhr. Am Buffet gibt es Zürcher Geschnetzeltes mit Wildreis, die Salatbar bietet Frisches. Frederik Groenewegen balanciert sein Tablett zum Ecktisch im Esssaal. Ein Architekt, der Spezialist für Luxushotels war, hat den prächtigen Bau des Internats um die vorletzte Jahrhundertwende entworfen. Die Verwandtschaft zu Schweizer Mehrsterneherbergen ist unübersehbar.

Frederik hat ein Einzelzimmer mit Internetanschluss. Der 17-Jährige ist „Captain“. Anderswo heißt das Klassensprecher. Vor Zuoz war er Schüler in München. Ein Freund der Familie hat ihn hierher empfohlen, ein „Old Boy“. Über die Vorzüge des Lyceums spricht er wie ein Kunde, der einen Fragebogen zum gerade gekauften Produkt ausfüllt: „Die Lehrkräfte sind qualifizierter.“ Das Menschliche habe ihn beeindruckt. Am ersten Tag beim Probewohnen seien alle auf ihn zugekommen. So etwas habe er in seiner Schulkarriere vorher nie erlebt.

Solche Sätze hört „Admissions Officer“ Georges Fäh gern. Wie viele hier trägt auch er ein dunkelblaues Dinnerjackett mit dem Schulwappen. Fähs Mission ist der Verkauf. Er setzt auf die Marke Schweiz: Zuoz ist exklusiv wie eine Schweizer Uhr und diskret wie eine Schweizer Bank.

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