Rezension „Arcandors Absturz“
„Lauter nette Leute, lauter Unschuldige“

Hagen Seidel beschreibt akribisch "Arcandors Absturz". Er analysiert und wertet, verurteilt aber nicht. Seidel stellt dabei eine selten vertretene These auf: Nicht Thomas Middelhoff allein sei am Absturz schuld.
  • 2

DÜSSELDORF. Politiker schreiben Memoiren, Journalisten dokumentieren. Hagel Seidel, Korrespondent für die "Welt", kann seine Fertigkeiten nicht leugnen. Akribisch schreibt er auf, was aufgeschrieben werden muss. "Arcandors Absturz" erscheint im rechten Augenblick. Karstadt, das letzte große Sorgenkind aus dem einst größten deutschen Handelskonzern, hat gerade einen Investoren gefunden. Das Interesse an der Karstadt-Story ist sicher.

Wie es überhaupt dazu kam? Seidel hat alles zusammengetragen, was von Relevanz ist. Sein Buch mit dem Untertitel "Wie man einen Milliardenkonzern ruiniert" beginnt denn auch nicht am Startpunkt der 125-jährigen Geschichte des Handelskonzerns, sondern 2003, als die gravierenden Probleme des Unternehmens nicht mehr zu übersehen waren, als der "Absturz mit Ansage" an Fahrt gewann.

Seidels These, dass der Zusammenbruch des Unternehmens nicht - wie immer wieder behauptet - die Alleinschuld eines Managers sei, nämlich die des Thomas Middelhoff, zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Der Autor versucht nachzuweisen, dass Middelhoffs Vorgänger genauso viel zum Niedergang beigetragen haben. Seine Kernthese: Niemand hatte im Karstadt-Konzern eine Antwort auf den radikalen Wandel der Kaufgewohnheiten. Seit den 70er-Jahren machten sich neue Vertriebsformen breit, Fachhandelsketten und Shopping-Center auf der grünen Wiese eroberten den Markt. Die Karstadt-Manager aber hatten keine Idee.

Stattdessen entstand ein unüberschaubares Geflecht mit Handelsfirmen, das nicht zusammenpasste und das vor allem keine Kostenvorteile brachte. Wer weiß heute noch, dass Neckermann, Quelle, Hertie, Sinn Leffers, Wehmeyer, Golf House, Baby Walz oder Condor (heute Thomas Cook) zeitweise eines gemeinsam hatten: Sie gehörten zum Karstadt-Konzern.

Das Buch gliedert den reichlichen Stoff nach Jahren, schiebt "Schlaglichter" ein über die Hausbank Sal. Oppenheim oder Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg. Der Autor glänzt mit Detailwissen. Termine, Ereignisse, Pressemitteilungen und natürlich die meist anonymisierten Gespräche mit beteiligten Managern hat Seidel zu einer Art Wirtschaftsreportage zusammengetragen. Die lebt nicht nur von den Fakten, sondern auch vom eigenen Erleben des Autors. Immer wieder wird dem Leser klargemacht: Seidel war dabei. Aber er bleibt auf Distanz, berichtet, analysiert und wertet, verurteilt aber nicht. Das gilt auch für das schwierige Kapitel über Madeleine Schickedanz. Die Quelle-Erbin und Arcandor-Hauptaktionärin stand im Kreuzfeuer. Opfer wegen des verlorenen Vermögens oder Täterin wegen mangelhafter Aufsicht? Seidel hat sich für ein Sowohl-als-auch entschieden. Das Buch ist kein Wirtschaftskrimi. Ein Opfer, Arcandor, gibt es schon, ein Täter ist jedoch nicht auszumachen. "Lauter nette Leute, lauter Unschuldige" beginnt Seidel das Vorwort. Am Ende ist zumindest eines klar. Alle drücken sich vor der Verantwortung.

Dieter Fockenbrock
Dieter Fockenbrock
Handelsblatt / Chefkorrespondent

Kommentare zu " Rezension „Arcandors Absturz“: „Lauter nette Leute, lauter Unschuldige“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Verantwortung bei leitenden Angestellten

    Von leitenden Angestellten kann man keine Verantwortung erwarten. Wäre der leitende Angestellte ein "Macher" oder eine "Macherin", so wollte er/sie eine eigene Firma leiten.
    Als leitender Angestellter ist er/sie nur an der Aufwand/Ertrag Optimierung interessiert: Das maximale Gehalt/Renommee für den minimalen Aufwand.
    Leider ist in einem Markt mit Konkurrenz mehr als der minimale Aufwand nötig für den Erfolg...

  • Die Karstadt- Misere fing mit Herrn Deuss an,junger
    Assessor, von seinem Vater nach dem 2. juristischen Examen in den Karstadt-Vorstand gehievt.in der Hauptversammlung der Commerzbank, Anteilseigner bei K.,fragte der Aktionär Fiebig den Vater Deuss, ob er mit dem neuen Karstadt-Vorstand verwandt sei? Darauf Deuss stolz, das ist mein Sohn, darauf Fiebig
    da bin ich beruhigt, ich befürchtete, wir hätten es
    mit Vetternwirtschaft zu tun. Deuss Junior hatte
    natürlich von Tuten und blasen keine Ahnung, dank
    seines Vaters war er aber im Vorstand bestimmend.
    Er verpaßte alle Entwicklungen, zum Schluß als man
    ihn viel zu spät an die Luft setzte, klagte er auf
    Chauffeur und Dienstwagen auf Lebenszeit. Das waren
    seine insignien, schon als Referendar hatte er einen Porsche als alle Welt noch Käfer fuhr.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%