Royal Mail
Eine Frage des Überlebens

Adam Crozier trimmt die Royal Mail auf mehr Effizienz. Damit zieht er die Wut der Mitarbeiter auf sich. Unter ihnen gilt er als Lackaffe und Schnösel. Jetzt steht ihm auch noch Streik ins Haus. Langsam wachsen Zweifel, ob seine Zähigkeit ausreicht, um den traditionsreichen Konzern in die Zukunft zu führen.

LONDON. Jeder Postler kann im Schlaf deklamieren, wie viel Adam Crozier verdient. "Drei Millionen Pfund, und er hat in seinem Leben noch keinen Brief ausgetragen. Dafür ruiniert er jetzt die Royal Mail", schimpft Briefträger John in seiner roten Leuchtjacke. Früher fing man bei der Royal Mail als Telegrammjunge an, wurde "Postman", Inspektor und, wenn man wirklich gut war, Postmaster. Als Adam Crozier 2003 als Chief Executive in die Royal Mail geholt wurde, war er mit 39 kaum dem Telegrammjungenalter entwachsen. "Sie hatten ihn bei der Football Association rausgeschmissen", schimpft John.

Halbwahrheiten und Mitarbeiterzorn sind für Crozier, der als einer der erfolgreichsten Sanierer Großbritanniens gilt, nichts Neues. In Maßanzug, offenem Hemd und dunklem Bürstenschnitt sieht er ein bisschen wie ein Fußballstar aus, aber an seinem ersten Tag bei der Post zog er den Parka an und trug ein paar Briefe aus. Im letzten Geschäftsjahr verdiente er 1,3 Mio. Pfund, im Vorjahr allerdings waren es mit einem Drei-Jahre-Bonus wirklich drei Mio., und das hat Postler wie John mit ihren 17 000 Pfund im Jahr wütend gemacht.

Darüber, wer nun die Royal Mail ruiniert, wird noch gestritten. Gestern noch wurde verhandelt, ob der für heute angesetzte Generalstreik abgewendet werden kann. Kommt er, stünde die Existenz der Royal Mail auf dem Spiel. Noch mehr Kunden als bisher würden zu den privaten Wettbewerbern wechseln. "Modernisierung ist der einzige Weg, wie wir als Unternehmen überleben können", warnte Crozier. Der Postgewerkschaft warf er vor, in sechs Jahren 950 Streikabstimmungen durchgeführt zu haben.

40 000 Jobs hat Crozier schon abgebaut. Weitere sollen durch die Einführung arbeitsplatzsparender Technik folgen. Aber seit im Frühsommer die Teilprivatisierung, die die Royal Mail fit für den Wettbewerb machen sollte, auf die lange Bank geschoben wurde, ist sein Spielraum eng. Der Anteilverkauf scheiterte nicht, weil Bieter wie die Deutsche Post oder TNT in der Wirtschaftskrise kein Interesse hatten, sondern weil sich Premier Gordon Brown nicht gegen seine Partei durchsetzen konnte. Postler wittern seitdem Morgenluft. Als im Sommer in Londoner Briefzentren Reformen umgesetzt werden sollten, begannen Streiks.

"Wenn die Menschen die klare Richtung der Reformen sehen und man ehrlich mit ihnen ist, werden sie die Veränderungen mittragen", ist Croziers Devise, "kühl und verbindlich" sein Markenzeichen. Seine Stärke: immer gelassen und logisch. Nun muss sich zeigen, ob das auch bei Postlern wirkt.

Crozier schreibt seine ruhige Entschlossenheit dem Vater zu, der die Liegenschaften des Lord Bute auf Insel Bute verwaltete. Gerne wäre er Fußballprofi bei Hibernian FC geworden, aber dazu fehlte ihm die Schnelligkeit. So fing er nach dem Wirtschaftsstudium beim Hundefutterhersteller Pedigree Dogfoods als Manager-Lehrling an. Als er 1988 bei Saatchi & Saatchi eintrat, hatte er das Wichtigste gelernt: Ziele identifizieren und wissen, wie man sie umsetzt. Er gelangte an die Spitze, als die Werbeagentur durch den Ausstieg der beiden Firmengründer in ihre größte Krise geriet. "Alle dachten, wir würden wie ein Kartenhaus zusammenfallen", erinnert sich Crozier. Vier Jahre später war Saatchi & Saatchi wieder auf Platz zwei.

Crozier hat Saatchi & Saatchi zusammengehalten, dann die Fußballprimadonnen gezähmt und die FA zu einer modernen, wohlhabenden Organisation umgeformt. Sein jetziger Job sei mit der Aufgabe vergleichbar, "Stalins Russland zu reformieren", wie der frühere Royal-Mail-Chairman Alan Leighton die Aufgabe beschrieb. "Ein Zehnjahrejob", sagt Crozier nüchtern und arbeitet weiter - wie immer, in Krisen seelenruhig.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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