RTL-Bericht
Zalando soll Mitarbeiter massiv unter Druck setzen

Bespitzelung, Gängelung, harte Arbeitsbedingungen – Deutschlands beliebtester Onlineshop Zalando gerät ins Zwielicht. Eine RTL-Reporterin, die verdeckt in einem Logistiklager arbeitete, erhebt schwere Vorwürfe.
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DüsseldorfDruck, Stress und Wegstrecken von bis zu 27 Kilometern am Tag. Was RTL-Reporterin Caro Lobig im Logistiklager des Textilversands Zalando erlebt hat, erschüttert nicht nur Arbeitsrechtler. Für die Sendung „Extra“ hat die Reporterin drei Monate undercover in einem Logistiklager des Textilriesen gearbeitet. Ihr Vorwurf: Zalando soll massiv gegen das Arbeitsrecht verstoßen haben. So sollen Mitarbeiter überwacht und bis an die Grenzen der körperlichen Belastbarkeit gebracht worden sein. Über die Recherchemethode tobt nun ein Rechtsstreit.

Zwischen den Regalen des Versandhändlers legte Lobig als sogenannter „Picker“ – ein Mitarbeiter, der Ware aus den Regalen holt – zu Fuß täglich 15 bis 20 Kilometer zurück. An manchen Tagen seien es sogar 27 Kilometer gewesen. An ruhigen Tagen seien die Wege im Lager künstlich verlängert worden. „Das war absolut absurd, dass wir dann längere Strecken zurücklegen mussten, nur um die ganze Schicht über beschäftigt zu sein“, so Lobig.

Pausen seien nicht erholsam gewesen. Erst mit einem akustischen Signal hätten die vereinbarten Pausenzeiten begonnen, heißt es. „Wir müssen picken, bis die Hupe geht“, wird ein Mitarbeiter im Bericht zitiert. Erst dann hätten die Mitarbeiter den Weg zu den Pausenräumen antreten dürfen. Für Verschnaufpausen sei dabei wenig Zeit geblieben. „Sitzen ist generell unerwünscht“, so Lobig. Wer erwischt wurde, sei zum Teamleiter zitiert worden.

Auch für die Reporterin sei die Arbeit so belastend gewesen, dass sie einen Kreislaufzusammenbruch erlitten habe, berichtet RTL. Statt medizinischer Versorgung sei ihr eine Verzichtserklärung präsentiert worden, heißt es in dem Bericht. Nach Aussage des Arbeitsrechtsexperten Sven Jürgens ein eindeutiger Verstoß gegen die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers.

Im Bericht wird ein ortsansässiger Rettungsdienstsanitäter zitiert: „Es vergeht kaum ein Tag, an dem dort kein Rettungswagen gerufen wird.“ In den heißen Sommermonaten soll es immer wieder zu gesundheitlichen Problemen gekommen sein. Ein Mitarbeiter sei sogar auf der Toilette des Logistiklagers an einem Herzinfarkt gestorben.

Bei Zalando ist man „erschüttert über den Bericht“, wie Sprecher Boris Radke sagt. Anders als im Bericht dargestellt sei der Mitarbeiter in seiner eigenen Wohnung gestorben. Zalando habe selbst mit einer Abordnung an der Beerdigung teilgenommen und mit dem Team einen Kranz niedergelegt. Auch die anderen Vorwürfe relativiert der Zalando-Sprecher. Die Leistung werde zwar erfasst und mit dem Gruppendurchschnitt verglichen, doch das sei branchenüblich. „Niemand macht das anders, das ist Standard in der Logistik.“

Als größter privater Arbeitgeber der Region käme es natürlich vor, dass Rettungskräfte gerufen werden. Unter den 1.000 Langzeitarbeitslosen, die das Unternehmen eingestellt habe, seien auch viele ältere Mitarbeiter, Kreislaufbeschwerden seien bei einer körperlichen Arbeit nicht auszuschließen. Doch dafür werde ein Betriebsarzt pro Schicht eingesetzt, der sich um Gesundheitsbeschwerden kümmere. Wenn darüber hinaus Probleme bestehen bleiben, werde ein Rettungsdienst hinzugezogen.

Erst im Oktober habe man bei Zalando die Mitarbeiter anonym befragt. 88 Prozent hätten damals angegeben, dass sie Spaß an ihrer Arbeit haben, so Radke weiter. „Wir sehen uns als guten Arbeitgeber.“

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Ständige Kontrollen und Leistungsdruck

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  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • Der Hauptkritikpunkt sind hier aber auch nicht die Arbeit an sich sondern die Arbeitsbedingungen. Und da können Sie schon, das Betriebsklima für sich genommen, keinen Vergleich mit Ihren persönlichen Erfahrungen anstellen.

    Insgesamt sind nun Journalisten gefragt, die hinterfragen, warum Zalando denn keinen Betriebsrat hat, wenn die Arbeit dort so toll ist wie von interner Stelle beschrieben.

  • "Zwischen den Regalen des Versandhändlers legte Lobig als sogenannter „Picker“ – ein Mitarbeiter, der Ware aus den Regalen holt – zu Fuß täglich 15 bis 20 Kilometer zurück."
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    Ogottograus! Die lege ich bei meiner Arbeit an einem halben Tag zurück (fast tagtäglich) und zwar nicht in Industriehallen, sondern in leichtem bis mittelschwerem Gelände querbeet über Stein und Baumstamm, und so manches mal schleppe ich dabei auch noch etliche kg Equipment auf der Schulter. Btw., ich gehe auf die 60 zu!
    Da hat eine Reporterin, die sonst wohl nichts schwereres bedient als eine Tastatur oder einen Bleistift, mal richtig gearbeitet.
    In meiner Studentenzeit habe ich in den Semesterferien beim Aufbau eines LKW-Services mitgearbeitet. Da wurden den ganzen Tag keine Hemden oder Schuhchen gepickt, da wurden massive Stahlregale gebaut und über 440 kg schwere Federpakete von Baustellen-LKWs von Hand eingeräumt (über 110 kg pro Nase) oder LKW-Felgen von Einzelpersonen verstaut, weil aufgrund der Baumaßnahmen kein Platz für Gabelstapler da war, die Zeit aber drängte. Hat sich einer beklagt und gejammert? Nein! Die Stimmung war gut, wir haben richtig was weggeschafft und nach Feierabend ging's dann gleich auch noch zum Sporttraining...
    ...wenn wir nicht gerade gebeten wurden, Doppelschichten zu schieben (die Firma spendierte dann ein gutes Abendessen und zahlte doppelten Lohn)! :-) Beliebt waren auch Semesterferienjobs im Buchgroßhandel als Packer und/oder Fahrer: Auch ein Knochenjob, denn Bücherkartons für den Einzelhandel sind keine Leichtgewichte. Ein Freund von mir hat Dünger eingesackt: 8 Stunden lang 40 kg-Säcke sacken und stauen.

    Die Logistikbranche (gilt auch für die heiß diskutierte Firma Amazon) ist bei diesen Jobs im Lager kein Zuckerschlecken, gleichzeitig handelt es sich aber auch um niedrig qualifizierte Jobs, denn "picken" kann jeder, der einen Scanner bedienen und lesen kann.
    Hier hat imho jemand Stoff für eine Skandalstory gesucht und ist dabei ins Schwitzen geraten.

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