„Schienenfreunde“
Zeugen untergraben Ersatzansprüche der Bahn

Ein Schienenkartell hat die Deutsche Bahn über Jahre betrogen. Das Unternehmen fordert Schadenersatz in Höhe von rund einer halben Milliarde Euro. Doch angeblich wusste die Bahn von den Preisabsprachen.
  • 10

FrankfurtFür Bahn-Vorstand Gerd Becht gibt es im Kartell auf dem deutschen Schienenmarkt klare Schuldige. Systematisch und über Jahre hinweg hätten die an den Preisabsprachen beteiligten Unternehmen sein Unternehmen betrogen, sagte Becht Anfang Juli. Zuvor hatten die Konzerne Thyssen-Krupp, Voestalpine und Vossloh ihre Schuld eingeräumt - und Geldbußen des Bundeskartellamtes in Höhe von 124,5 Millionen Euro akzeptiert.

Jetzt verlangt die Bahn Schadensersatz von den Kartellsündern, deren Mitglieder sich selbst "Schienenfreunde" nannten. Profitieren würde davon der Steuerzahler. Denn Investitionen in die Eisenbahninfrastruktur werden weitgehend aus der Staatskasse bezahlt.

Laut internen Schätzungen des Staatskonzerns summiert sich der Schadensersatzanspruch auf rund eine halbe Milliarde Euro. Die Verhandlungen über die Höhe der Zahlungen aber ziehen sich schon seit Monaten hin, und die Verhandlungsposition der Bahn droht sich mittlerweile zu verschlechtern: Möglicherweise müssen die Konzerne weniger bezahlen - denn inzwischen kommen Zweifel auf, ob zumindest einzelne Mitarbeiter wirklich so unwissend waren, wie das Unternehmen behauptet.

Dies zumindest legen Zeugenaussagen bei der Staatsanwaltschaft Bochum und der Kriminalpolizei nahe. Mindestens zwei Personen sagten im Zuge der Ermittlungen unabhängig voneinander aus, dass die Bahn über Unregelmäßigkeiten auf dem Schienenmarkt informiert war, wie das Handelsblatt aus dem Umfeld der Ermittlungen erfuhr. Einer der Zeugen behauptet, mehrere Bahn-Mitarbeiter über das Kartell aufgeklärt zu haben.

Die Deutsche Bahn weist die Vorwürfe entschieden zurück: "Von dem Verdacht von Kartellabsprachen im Oberbaubereich hat die Bahn erst durch die Durchsuchungen des Bundeskartellamts und der Staatsanwaltschaft Bochum bei Schienenlieferanten im letzten Jahr erfahren", sagte ein Sprecher. Man habe den Eindruck, dass einzelne Kartellbeteiligte mit derartigen Anschuldigungen versuchten, von ihrem kriminellen Verhalten abzulenken und dadurch die Opfer zum Täter zu machen.

Auf den anderen Zeugen trifft dies nicht zu: Denn der war seinerzeit selbst für die Bahn tätig - als Einkäufer ebenjener Schienen. Er wiederum hat ausgesagt, von dem Kartell gewusst zu haben. Auch habe er diese Information innerhalb des Konzerns weitergegeben. Die Bahn betonte, ihr lägen keine Hinweise vor, dass Mitarbeiter Kenntnis vom Kartell gehabt hätten.

Die Staatsanwaltschaft lehnte einen Kommentar mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen ab. Die Aussage eines Beschuldigten war für die Ermittler immerhin stichhaltig genug, um im November Büros von zwei Bahn-Mitarbeitern im Raum Mainz zu durchsuchen. Diese waren unter anderem mit dem Einkauf von Schienen betraut. Inzwischen wurde zumindest einer der beiden Einkäufer auf einen anderen Posten versetzt.

Der Fortgang der Ermittlungen wird von den am Kartell beteiligten Konzernen aufmerksam verfolgt. Denn erweisen sich die Vorwürfe entgegen der Beteuerung der Bahn als korrekt, dann müsste der Konzern erklären, warum er dem Treiben der Schienenfreunde nicht schon früher ein Ende gesetzt hat.

Seite 1:

Zeugen untergraben Ersatzansprüche der Bahn

Seite 2:

Es gibt seit Jahren Auffälligkeiten

Kommentare zu " „Schienenfreunde“: Zeugen untergraben Ersatzansprüche der Bahn"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Das ist doch alles ein Witz! Irrsinn! Erst wird Thyssen erpresst und dazu gezwungen, die Schienen von nur einem Schienenproduzenten zu vermarkten und hochpreisig zu veräußern und den Grossteil des Gewinns an den Schienenproduzenten weiterzuleiten, und dann geht dieser Schienenproduzent hin und stellt sich brav als Kronzeuge der Justiz zur Verfügung, hält seinen grössten Dreck aber weierhin selbst vor denen schön unter den steierischen Teppich gekehrt im Verborgenen, während bei Thyssen die Köpfe nur so rollen. Soweit ich den Kronzeugenstatus verstehe ist Bedingung, tatsächlich auch eigene Machenschaften offen zu legen. Hier wird allerdings weiterhin im Dunkeln gemunkelt, erpresst und betrogen. Der ehrenwerte Kronzeuge setzt sich selbst die Krone auf und der Justiz sowie der Bahn die Hörner... das kann es nur in Deutschland geben. Solche Geschichten schreibt neben dem Leben auch Ellis Kaut in ihrem Pumuckel und Meister Eder. Fragt sich nur, wer in diesem Fall hier der Pumuckel ist?

  • A: Und was machst Du so?

    B: Bin Schienen-Verkäufer!

    A: Bei Märklin?

    B: Nö, für die Bahn!

    A: ??? Echt???

    B: Ein Außenstehender kann sich gar nicht vorstellen, was
    das ein interessanter Job ist. Eine Zeit lang waren
    unsere PC-Leitungen ein wenig belastet, aber nun
    haben wir sogar unser Sortiment gegenüber der Bahn und
    unsere Kunden-Segmente erweitert.

    A: Das hört sich ja klasse an!

    B: Mein Chef sagt, es war an der Zeit, die Konkurrenten aus dem Feld zu schlagen. Es gibt Dinge, die kann man von allen seiten betrachten, und es kommt immer das gleiche dabei heraus, wie bei so Wörtern wie Otto und so. Es ist nur schade, dass die Meuse immer im alten Müln herumküblern, wo doch hinter den grossen Bergen bei den Schneezwergen diejnigen sind, die es einzig und allein verstehen, die Aktenkoffer richtig zu packen.

    A: Boah! Was beudeutet das alles?

    B: Wir sagen dazu: einen Schritt voraus!

  • die bahn bekommt für alle baumaßnahmen vom bund einen festen prozentsatz durchhandlungsgebür,ich glaub 15 %,also hattenn und haben die bahnmanager immer großes interesse an hohen kosten.

    kick backs werden überall erwartet und gibt es auch..

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%