Schifffahrt
Reeder rüsten massiv gegen Piraten auf

Trotz der Marineschiffe der internationalen Gemeinschaft lassen die Angriffe von Piraten auf Handelsschiffe im Golf von Aden nicht nach. Private Sicherheitsfirmen fordern, dass sich die Reeder im Kampf gegen die Piraten stärker engagieren müssen. Tatsächlich bauen immer mehr Reeder ihre Schiffe zu schwimmenden Festungen aus. Ein teurer Schachzug.

HB HAMBURG. Sie waren keine Amateure. Alle drei Männer waren Profis, hatten Kampferfahrung. Sie wussten um die Risiken, waren ausgebildet für den Ernstfall - für den Schutz eines Frachtschiffes vor Piratenangriffen. Das war ihr Job, für den sie von der privaten britischen Sicherheitsfirma Maritime Security Solutions an Bord des Schiffes in den Golf von Aden geschickt worden waren. Aber dann, eines Tages, als die Piraten dann tatsächlich kamen, "ging alles schief, was schief gehen konnte", wie Nick Davis, Chef von Maritime Security Solutions zu Handelsblatt.com sagt. Die Crew des amerikanischen Chemikalientankers habe die Nerven verloren, als die somalischen Piraten mit ihrem Schnellboot längsseits des schwer im Wasser liegenden Schiffs gegangen seien.

Bevor die Männer von Davis auch nur eine Abwehrmaßnahme hätten treffen können, habe die Crew Hals über Kopf eine Leuchtrakete mitten ins Boot der Piraten gefeuert. Ein schwerer Fehler- Die Piraten feuerten mit Maschinengewehren vom Typ AK-75 zurück. Panik brach an Bord des Tankers aus. An Verteidigung sei nicht mehr zu denken gewesen, so Davis. Neun Piraten enterten daraufhin das Schiff, bewaffnet mit Pistolen, Gewehren und einem Raketenwerfer. Davis Männer flüchteten aufs Dach des Schiffes und versteckten sich, während die Piraten den Tanker durchsuchten. Das war im November vergangenen Jahres. Es ging alles gut aus, keine Toten - aber Davis muss immer noch tief durchatmen, wenn er von dem Zwischenfall spricht. Seine Konsequenz: Er schickt keinen seiner Männer mehr an den Golf von Aden, zumindest nicht an den Bord eines Schiffes. "Ich will nicht der erste sein, der jemanden in einem Leichensack nach Hause bringen muss", sagt Davis, der zeitweise zehn Teams im Einsatz hatte.

Heute setzt Davis nicht mehr auf Geleitschutz, sondern auf Abschreckung. Er verwandelt Schiffe mit Stacheldraht, Netzen, erhöhten Bordwänden und anderem mehr in schwimmende Festungen, an der sich Piraten die Zähne ausbeißen sollen - erfolgreich, wie Davis behauptet. Um ein Schiff "sicher" zu machen, würden im Schnitt 50 000 Dollar fällig. Eine Menge Geld? Für Davis eine Frage der Betrachtungsweise: "Das Lösegeld für ein gekapertes Schiff fällt weit höher aus." Und trotzdem würden immer noch viele Reeder davor zurückschrecken, ihre Schiffe sicher vor Piraten zu machen. "Die Reeder müssen mehr Verantwortung übernehmen", sagt Davis. "Die Piraten kapern nur deshalb Schiffe, weil sie es können, weil es einfach ist an Bord eines langsamen, tief im Wasser liegenden Tankers oder Schüttgutfrachters zu kommen."

Auch wenn vor der Küste Somalias inzwischen eine ganze Flottille von Kriegsschiffen aus aller Herren Länder zum Schutz des Seeverkehrs kreuzt, so verzeichnet die zentrale Piraterie-Meldestelle des International Maritime Bureau (IMB) allein in diesem Jahr bis zum 1. Juli mehr als 120 Piratenüberfälle in der Region. Und laut der Schifffahrtszeitung Lloyd?s List befinden sich immer noch 12 Schiffe mit 189 Seeleuten in Gewalt von Piraten. Nach einer Umfrage der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Pricewaterhouse-Coopers (PWC), die 101 Reedereien befragt haben, ist bereits jede fünfte Reederei Opfer mindestens eines Angriffs geworden.

Kein Wunder, dass sich dies in den Versicherungsprämien für die Reeder bemerkbar macht, wie PWC schreibt. Einige Reeder gehen inzwischen sogar soweit, gleich direkt eine zusätzliche Lösegeld-Police abzuschließen, für den Fall der Fälle - der eben gar nicht mehr so unwahrscheinlich ist. Bereits Ende des Jahres waren die Policen von 3 000 Dollar für ein ganzes Jahr auf mehr als 60 000 Dollar nur für eine Passage durch den Golf von Aden gestiegen. Diesen Kosten versucht mancher Reeder zu entgehen, indem er seine Schiffe auf Umwegen zum Ziel schickt, was freilich wiederum mit höheren operativen Kosten zu Buche schlägt.

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