Schlecker-Mitarbeiterin
Kerstin Mayer hat ausgedient

13 Jahre arbeitete sie bei Schlecker, jetzt muss Kerstin Mayer gehen. Die Geschichte eines langjährigen Arbeitsverhältnisses.
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„Meine Filiale“, das sagt sie immer noch. 13 Jahre war sie bei Schlecker, zuletzt als eine Art Wanderarbeiterin, abgemahnt, gekündigt, weiterbeschäftigt und wieder gekündigt. Und immer noch spricht sie von „meiner Filiale“, wenn sie erzählt, wie sie damals diese Schlecker-Verkaufsstelle „aufgebaut“, mit eigenem Werkzeug renoviert und einmal über Nacht einen Umzug mitgemacht hat.

„Das darf niemand wissen“, hätten ihre Vorgesetzten gesagt. Dass Frauen wie sie einmal zum Politikum werden würden, hätte sich Kerstin Mayer aus Kirchheim bei Stuttgart nie träumen lassen. Nun sind sie es, die „Schlecker-Frauen“.

Ein Job bei Schlecker garantierte in der Öffentlichkeit schon immer einen Opferstatus. Erst waren die Schlecker-Frauen Opfer schikanösen Managements, dann ökonomischen Missmanagements. Jetzt werden sie zu Opfern politischer Mobilisierungsstrategien. Je mehr ein Betrachter die FDP verabscheut, die eine Transfergesellschaft für die Schlecker-Frauen verhinderte, desto bedauernswerter muss er deren Lage offenbar finden.

Es gebe Schlimmeres, als vom Kapital ausgebeutet zu werden, schrieb Hans Magnus Enzensberger einmal, nämlich vom Kapital nicht ausgebeutet zu werden. Das ist ein cooler kleiner Satz, er passt gut zu einem Schreibtisch in München-Schwabing mit Blick auf den Englischen Garten.

Aber er passt auch zu dem Küchentisch vierzig Kilometer südöstlich von Stuttgart. Der Tisch ist abgewetzt, die Küche neu. Es ist das Land der Häuslebauer, die Mayers sind im Herbst eingezogen, Endreihenhaus, 114 Quadratmeter, aus dem Fenster sieht man ihren Geländewagen. Nun haben sie eine viertel Million Euro Schulden, und Kerstin Mayer hat keinen Job mehr.

36 Jahre ist sie alt, Hauptschule, keine Ausbildung, eine Zeit lang arbeitslos. Dann Schlecker.

Kommentare zu " Schlecker-Mitarbeiterin: Kerstin Mayer hat ausgedient"

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  • hätte verdi und br besser aufpassen müssen bei der sozialauswahl und genehmigung von betriebsbedingte kündigungen.....wäre nicht zu sowas gekommen....jetzt zu jammern ist es lächerlich....

  • Warum macht sie in der Zeit, in der sie Arbeitslosengeld bekommt, nicht einfach den Führerschein? Dann findet sie im Ländle auf jeden Fall eine Arbeit, hoffentlich eine Erfreulichere als die bisherige.

  • @Michel
    "Aber Menschen verurteilen, weil sie Träume haben"
    Hier werden keine Menschen verurteilt, weil sie Träume haben. Man sollte die Leute rechtzeitig auf den Boden der Tatsachen / in die Realität zurückholen.
    Ich habe schon genug erlebt, wo ganze Familien an geplatzten Träumen zerbrochen sind bzw. sich Personen vor den Zug geworfen oder an den nächsten Baum gehängt haben.
    So weit muss es nicht kommen!

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