Schlecker-Verwalter erklärt Insolvenz

Wie das Drogerie-Imperium unterging

Seit März wird der Untergang der Drogeriemarktkette Schlecker in Stuttgart juristisch aufgearbeitet. Aber was hat die Abwärtsspirale bis hin zur Pleite in Gang gesetzt? Und: Wäre Schlecker doch sanierbar gewesen?
Update: 17.07.2017 - 17:58 Uhr Kommentieren
Der Insolvenzverwalter hatte nach der Schlecker-Insolvenz Anfang 2012 mehrere Wochen lang versucht, die Kette zu verkaufen. Quelle: dpa
Arndt Geiwitz

Der Insolvenzverwalter hatte nach der Schlecker-Insolvenz Anfang 2012 mehrere Wochen lang versucht, die Kette zu verkaufen.

(Foto: dpa)

StuttgartWenn es denn den einen entscheidenden, den größten Fehler gab, der das Schlecker-Imperium schließlich zusammenbrechen ließ, dann ist es wohl das Festhalten am Ladenkonzept gewesen. Kleine, enge, für die Kunden unattraktive Filialen – und davon immer mehr.

Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz hat aber noch viele andere Punkte gefunden, die aus seiner Sicht zum Aus für Europas einst größte Drogeriemarktkette geführt haben. Seit März wird die Insolvenz vor Gericht aufgearbeitet, und am mittlerweile 16. Verhandlungstag zeichnet Geiwitz detailliert die Abwärtsspirale nach, die Gründer und Eigentümer Anton Schlecker irgendwann nicht mehr stoppen konnte.

Arndt Geiwitz ist der erste Zeuge ohne Berührungsängste im Schlecker-Prozess. Er schüttelt Anton Schlecker und den mitangeklagten Kindern Lars und Meike in der Minute vor Prozessbeginn um 9 Uhr im Stuttgarter Landgericht die Hände. Kennt er doch die Angeklagten aus vielen Sitzungen in den ersten Tagen nach der Insolvenz Ende Januar 2012.

Fünf Jahre ist das her, und seitdem ist Geiwitz der Herr über die Zahlen. Ein Verkauf der tausenden Filialen in Deutschland scheiterte damals, seitdem sind die Läden dicht. Firmenpatriarch Schlecker steht vor Gericht, weil die Anklage ihm vorsätzlichen Bankrott vorwirft. Außerdem soll er Geld aus dem Unternehmen gezogen und an seine Kinder verschoben haben, die wegen Beihilfe angeklagt sind.

Am diesem Verhandlungstag öffnet Geiwitz seinen schwarzen Lederkoffer, legt den Aktenordner mit dem Insolvenzbericht auf den Tisch. Detailgetreu beantwortet er die Fragen des Richters Roderich Mattis. Anders als die angestellten Manager von Schlecker, die zuvor im Zeugenstand waren, hat Geiwitz einen nüchternen Blick auf die Dinge.

Seine Kanzlei war schon bei anderen großen Fällen dabei, ob zuletzt Weltbild, MAN, Roland oder Walter Bau. Schlecker war sein ungewöhnlichster und größter Fall. Und gleichzeitig seine größte Niederlage – es wurden keine Jobs gerettet.

Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft drohte spätestens Ende 2009 die Zahlungsunfähigkeit. Schlecker, der den Vortrag des Verwalters ohne sichtbare Regung verfolgt, soll über die Lage im Bilde gewesen sein. Er selbst weist den Vorwurf zurück und beteuert, bis zuletzt an eine mögliche Rettung geglaubt zu haben.

Konkret geht Geiwitz auf den Vorwurf in seinen Aussagen nicht ein, stattdessen gibt er einen umfassenden Einblick in das, was er bei seinem Antritt vorgefunden hat. Er spricht von einem „sehr unüblichen Großinsolvenzverfahren“, allein schon deshalb, weil Schlecker sein Imperium als Einzelkaufmann geführt hat - ein Imperium, das zuletzt hohe Verluste schrieb und monatlich Millionensummen verbrannte.

Eine Familie auf der Anklagebank
Prozessauftakt
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Es war eine der aufsehenerregendsten Firmenpleiten der vergangenen Jahre. 2012 musste die Drogeriemarkt-Kette von Anton Schlecker (Mitte) Insolvenz anmelden, mehr als 25.000 Mitarbeiter in Deutschland verloren ihren Job. Nun hat der Prozess gegen Anton Schlecker und seine Familie vor dem Landgericht Stuttgart begonnen.

Auf der Anklagebank
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Allein schon die Anwesenheit des Firmenpatriarchen (r.) ist eine kleine Sensation. Denn Schlecker meidet die Öffentlichkeit seit Jahrzehnten. Vor Gericht muss er allerdings persönlich erscheinen. „Nach der Strafprozessordnung muss grundsätzlich in Anwesenheit des Angeklagten verhandelt werden“, sagt eine Gerichtssprecherin.

Vorsätzlicher Bankrott?
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Die Staatsanwaltschaft wirft Anton Schlecker vorsätzlichen Bankrott vor. In insgesamt 36 Fällen soll er Vermögenswerte zur Seite geschafft zu haben, die eigentlich in die Insolvenzmasse gehörten, aus der Gläubiger bedient werden sollen. Außerdem soll er falsche Angaben in den Bilanzen des Drogerie-Imperiums gemacht haben.

Langer Prozess
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„Was den Fall ungewöhnlich macht, ist die Dimension“, sagt der Jura-Professor Matthias Jahn von der Universität Frankfurt. „Die Anklageschrift umfasst 270 Seiten.“ Das allein sei schon ein Indiz dafür, dass es sehr kompliziert sei. Auch die 26 Termine, die das Landgericht bis Oktober zunächst anberaumt hat, deuteten darauf hin, dass es ein komplexes Verfahren werde.

Anton Schlecker
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Der 72-Jährige ist der große Unbekannte. Selbst örtliche Politiker und Wirtschaftsvertreter haben kaum Kontakt zu ihm. Nach der Pleite soll sich Anton Schlecker auch von Vertrauten zurückgezogen haben. Nun zeigte er sich beim Prozessauftakt der Öffentlichkeit.

Anton Schlecker im Jahr 1999
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Der gelernte Metzgermeister eröffnete 1975 den ersten Schlecker-Markt. Bereits zwei Jahre später betrieb er schon mehr als 100 Filialen. Er baute ein Imperium auf und beschäftigte in Glanzzeiten mehr als 55.000 Menschen. Konkurrent Dirk Roßmann, der Schlecker und dessen Frau seit Jahren kennt, sagte jüngst in einem Beitrag des SWR: „Fleißig waren die beiden, unglaublich.“ Außerdem seien sie hilfsbereit und großzügig gegenüber Freunden.

Christa Schlecker
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Über Anton Schleckers Frau ist am wenigsten bekannt. Sie wird als „resolut“ beschrieben. Christa Schlecker galt als enge Vertraute Antons und soll zusammen mit ihm das berüchtigte Kontrollnetz über Mitarbeiter errichtet haben.

Wie konnte das passieren? „Die Philosophie von Anton Schlecker war immer, durch extreme Größenvorteile Preisvorteile zu erreichen“, sagt Geiwitz. „Dieser Blickwinkel war sicherlich zu einkaufsorientiert und zu wenig kundenorientiert.“ Sprich: Billig allein zieht irgendwann nicht mehr. Schlecker verlor massiv Kunden vor allem an die direkten Konkurrenten dm und Rossmann, die - so stellt es Geiwitz dar - gezielt die profitablen Schlecker-Standorte mit eigenen Filialen in unmittelbarer Nähe angriffen.

Als Reaktion macht Schlecker noch mehr Läden auf, um die Einkaufspreise noch weiter drücken zu können, doch die Strategie schlägt fehl. Gut 3.000 Filialen werden geschlossen, kosten aber weiter Geld, auch weil unattraktive Lagen eine Untervermietung erschweren.

Für den Zukunftsplan reichte das Geld nicht mehr
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