Schrumpfende Flotte
Der deutschen Schifffahrt gehen die Kräfte aus

Die Doppelkrise in Schifffahrt und Finanzwirtschaft treibt immer mehr Charterschiffe in den Ruin. Über der Branche kreist der Pleitegeier. Die Reeder fordern, bei Kreditverhandlungen ihre Schiffe fair zu bewerten.
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HamburgFünf Jahre Krise haben die deutsche Schifffahrt ausgelaugt. „Insolvenzen von Schiffen sind mittlerweile an der Tagesordnung“, sagte Michael Behrendt, Präsident des Verbandes Deutscher Reeder (VDR), am Dienstag in Hamburg. Mehr als 100 Schiffe seien bereits in die Pleite gefahren.

Die deutsche Handelsflotte werde kleiner - zum ersten Mal seit Jahrzehnten. Immer mehr Schiffe würden abgewrackt oder verkauft. Allein im letzten Quartal des vergangenen Jahres wurden 27 Schiffe verschrottet - dreimal so viele wie gewöhnlich. Zu Beginn des Jahres fuhren rund 3670 Schiffe unter deutschem Management, das sind 110 weniger als ein Jahr zuvor.

Die Bundesregierung, die verschiedenen maritimen Branchen und die Gewerkschaften kommen in der nächsten Woche (8./9.4.) zur 8. Maritimen Konferenz in Kiel zusammen. Von der Politik fordern die Reeder klare Signale bei der Schifffahrtsförderung und eine durchgreifende Entbürokratisierung der Verwaltung der deutschen Flagge.

Vor allem aber müssten Schiffe bei Kreditverhandlungen zu ihrem langfristigen Wert als Sicherheit beliehen werden dürfen, so wie Immobilien und Flugzeuge. „Dann hätten die Banken mehr Spielraum, um Fortführungskonzepte zu ermöglichen“, sagte Behrendt. Dazu bedürfe es nicht einmal eines Gesetzes, sondern nur der Akzeptanz durch die Finanzaufsicht.

Zunächst hatten die Reeder zeitlich begrenzte Überbrückungskredite von der Staatsbank KfW gefordert, dabei aber speziell bei Wirtschaftsminister Philip Rösler (FDP) auf Granit gebissen. Auch im Bundestag fand sich kaum Unterstützung für den Vorschlag.

„Die deutschen Reeder arbeiten daran, die Marktsituation zu verbessern“, sagte Behrendt. Seit Beginn der Krise hätten sie praktisch keine neuen Schiffe mehr bestellt; das Orderbuch sei von 1300 auf 200 Schiffe zusammengeschrumpft. Die Krise werde bald enden; bis 2017 könnte der weltweite Containerverkehr nach konservativen Prognosen um 27 Prozent wachsen, während die Flotte schrumpft. „Angebot und Nachfrage bewegen sich also eindeutig wieder aufeinander zu“, sagte Behrendt. Fraglich sei, ob die mittelständischen Reedereien mit wenigen Schiffen die kommenden Monate noch überbrücken könnten.

Die Schifffahrtskrise ist durch ein Überangebot an Schiffsraum entstanden. Es wurden zu viele Schiffe bestellt und gebaut, während gleichzeitig das Ladungsaufkommen zurückging und sich bis heute nicht nachhaltig erholt hat. Fracht- und Charterraten brachen ein. Besonders betroffen sind die in Deutschland stark verbreiteten Charterreedereien.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Schrumpfende Flotte: Der deutschen Schifffahrt gehen die Kräfte aus"

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  • @Pandora0611:
    "Und wieder eine Investitionsruine.
    Vor jahren lockte man nochInvestoren, in den Schffsbau zu investieren. Man versprach hohe Renditen und eine sichere Anlage. Und jetzt werden die Schiffe abgewrackt."
    --> Die Verschrottung der Schiffe, also deren Desinvestition, ist i.d.R. als solche in den Finanzierungsplänen der Schiffe einkalkuliert und trägt maßgeblich dazu bei, dass eine Kapitalvermehrung beim Anleger erzielt wird.
    Eine Verschrottung kann also durchaus Sinn machen, wenn der Schrottwert des Schiffs den Verkaufspreis am Gebrauchtmarkt übersteigt, was bedingt durch ein Überangebot an Tonnage auf den entsprechenden Schifffahrtsmärkten (Cont, Bulk, Tank, usw.) in der Vergangenheit oft der Fall gewesen ist. Hinzu kommt, dass es sicherlich nicht im Interesse des Schiffseigners ist ein Schiff zu verschrotten, so lange es bessere Optionen gibt. Hier wird lediglich versucht Schadensbegrenzung zu betreiben, die ganz nebenbei bemerkt nicht nur den Anleger schützen soll, sondern auch den Eigner selbst.

    Abschließend denke ich, sollte man sich fragen, ob es denn überhaupt eine tatsächlich sichere Anlage bei gleichzeitig hohen Renditen gibt, oder ob es nicht eher sehr naiv ist die Investition in ein Seeschiff als "sicher" zu bezeichnen.



    "Und wieviele der Schffe fahren unter fremder Flagge?"
    --> http://www.bsh.de/de/Schifffahrt/Berufsschifffahrt/Deutsche_Handelsflotte/Statistik_Fort.pdf

  • Und wieder eine Investitionsruine.
    Vor jahren lockte man nochInvestoren, in den Schffsbau zu investieren. Man versprach hohe Renditen und eine sichere Anlage. Und jetzt werden die Schiffe abgewrackt.
    Und wieviele der Schffe fahren unter fremder Flagge?
    Aber die deutschen Banken und die KfW sollen sie finanzieren.

  • "Die Schifffahrtskrise ist durch ein Überangebot an Schiffsraum entstanden." ... Naja, entstanden ist die Krise wohl eher infolge nach Nachfrageeinbruchs nach Lehmann. Erst dadurch ging die Schere von Angebot und Nachfrage auseinander und schließt er langsam und allmälich wieder. Ursache und Wirkung nicht vewechseln!

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