Schuld an der Misere: Enge Vorgaben aus Amerika
Ein Riese im Reich der roten Zahlen

Der Ladentisch ist gigantisch groß und voller Fünf-Liter-Kanister Apfelsaft und Limonade. „Die sind im Augenblick der Renner“, sagt Deutschlands Wal-Mart-Chef Kay Hafner stolz. Und wird gleich dementiert. Denn Hausfrauen, die an diesem regnerischen Nachmittag einen der XXL-Durstlöscher im Einkaufswagen durch die Gänge der Dortmunder Filiale schieben, sieht man nicht.

DORTMUND. Dabei braucht Hafner nichts dringender als einen Verkaufsclou, der endlich das dümpelnde Geschäft seiner 92 großformatigen SB-Warenhäuser in Schwung bringt. Die Märkte zwischen Schwerin und Freiburg verlieren Umsatz, im vergangenen Jahr fast zwei Prozent. Schimmer noch: Sein Marktgebiet ist der einzige graue Fleck auf Wal-Marts ansonsten strahlend weißer Weltkarte. Während der US-Riese seit Jahren bei Umsatz und Gewinn weltweit im zweistelligen Prozentbereich wächst, schreibt die Deutschlandtochter nach Branchenschätzungen ein operatives Minus von rund 100 Millionen Euro.

Der schlaksige, über 1,90 Meter große Top-Manager muss damit leben, dass ihm sein Arbeitgeber vom fernen Bentonville/Arkansas aus eine unsichtbare Pistole auf die Brust gesetzt hat. Binnen einer festgelegten Frist muss der ehemalige Melitta-Manager, der 2001 vom Kiosk-Großhändler Lekkerland- Tobaccoland in die Wuppertaler Wal- Mart-Zentrale wechselte, den Laden aus den roten Zahlen bringen. „Wann sie abläuft, kommunizieren wir nicht“, sagt der 47-Jährige und nästelt an einem Plastikkärtchen, das ihm als Identifikationsausweis um den Hals baumelt.

Im Auftritt unterscheidet sich der Deutschlandchef kaum von seinen Angestellten, Chefgehabe gilt im Unternehmen als verpönt. Selbst Konzernlenker Lee Scott, berichten Mitarbeiter, steuert die Firmenzentrale in Bentonville morgens im bescheidenen VW New Beetle an. Kein Wunder, dass Hafner seinen Jaguar E-Type Oldtimer, über den er nur ungern spricht, in einer Essener Garage eingemottet hat.

Man erzählt überhaupt nur das Nötigste bei Wal-Mart – und oft nicht einmal das: Weil das US-Unternehmen für seine Deutschlandtochter keine Bilanzen hinterlegte, brummte das Wuppertaler Registergericht Hafner und seinen Geschäftsführungskollegen ein Ordnungsgeld von insgesamt 165 000Euro auf. Der Betrag könne sich sogar noch erhöhen, kündigt eine Gerichtssprecherin an, falls Wal-Mart weiterhin stur bleibt. Gegen die Offenlegungspflichten hatten die Amerikaner sogar beim Bundesverfassungsgericht Beschwerde eingereicht, waren in Karlsruhe aber im vergangenen Jahr abgeblitzt. Geschwiegen wird über die Geschäftszahlen dennoch weiterhin eisern.

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